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  1. orglBruder
    ·
    20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    4.0 von 5 Sternen
    Angepaßt, 1. November 2014
    Von 
    orglBruder (Bayern) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Wir Angepassten: Ã?berleben in der DDR (Gebundene Ausgabe)
    Roland Jahn wurde 1983 nach vorhergehender Verurteilung wegen „staatsfeindlicher Aktivitäten“ und Inhaftierung gegen seinen Willen aus der DDR ausgewiesen. Heute ist er Leiter der Stasiunterlagenbehörde.

    Wenn Jahn von „Anpassung“ schreibt, stutzt man erstmal. Der Ansatz seines Buches wirkt jedoch überzeugend: „Anpassung ist die Haltung, die für mich den Alltag unter den Bedingungen einer Diktatur stark geprägt hat. Genau darüber haben wir noch viel zu wenig gesprochen“, unterstreicht Jahn.

    Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf die DDR-?Diktatur sei nur in einem „Prozeß des offenen Nachdenkens über das Leben in diesem Staat DDR“ möglich. Und so berichtet der Autor von seinem Leben in der ehemaligen DDR, von Erfolgen und Mißerfolgen, wie man sich mit den Vorgaben der Partei arrangierte, um ein ruhiges Leben zu führen und vom Zweckverhalten, das viele an den Tag legten, wenn sie bestimmte Dinge erreichen wollten, zum Beispiel studieren.

    Anpassung, das ist für den Autor die „Theateraufführung des Alltags“, man schließt ständig Kompromisse, ist mit Kleinigkeiten zufrieden. So beschreibt Jahn, wie er in der Oberstufe einmal nach Berlin ins Bildungsministerium fuhr, um dafür einzutreten, daß er und seine Freunde mit etwas längeren Haaren rumlaufen durften. Gegebenheiten wie die Mauer oder der Schießbefehl seien ihm in diesem Moment überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

    Man nahm also vieles als normal hin, man war damit großgeworden. Alles andere hätte auch keinen Sinn gehabt. Die Folgen wären für ihn und seinen Vater, der beim Großbetrieb Carl Zeiss Jena einer verantwortungsvollen Tätigkeit nachging, sehr unangenehm geworden. Ständig mußte man Wege finden, um nicht anzuecken und sich gleichzeitig einen größtmöglichen Entfaltungsspielraum zu schaffen.

    Roland Jahns Vater war nie in der SED. Dennoch rieten ihm seine Eltern, sich für drei Jahre Armee zu verpflichten, damit er problemlos studieren könne. Jahn verpflichtete sich nicht für drei Jahre. Aber er bediente sich, wie die meisten anderen auch, der üblichen Metaphorik. Er schrieb, wenn nötig, Entschuldigungen für bestimmte kritische Äußerungen, um nicht ausgegrenzt zu werden. Und Ausgrenzung, das konnte durchaus bedeuten, daß man mit Zustimmung der schweigenden Mehrheit nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnte.

    Das hatte dann auch Einfluß auf das Private. Nicht zu studieren, obwohl man es draufhat, sich beruflich nicht zu entfalten, obwohl einem die Gabe gegeben ist – in einem eingesperrten Land wie der DDR schafft das erhebliche Belastungen, denen die wenigsten gewachsen waren.

    Schließlich widmet sich der Autor der Darstellung diktatorischer Prinzipien. Die DDR-?Diktatur hatte Strukturen geschaffen, die Persönliches, Gesellschaftliches und Politisches ineinanderfließen ließ. Ein persönlicher Ausrutscher konnte ebenso politisch gewertet werden, wie persönliche oder berufliche Erfolge.

    Jahn schildert anhand einer beruflichen Ehrung seines Vaters, wie diesem mit der Urkunde bestätigt wurde, daß er mit seiner beruflichen Leistung zur „Stärkung und Festigung“ der DDR beigetragen hatte.

    Vom Freud-?Schüler Alfred Adler wissen wir, daß Anerkennung eigener Leistung ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Dieses Grundbedürfnis wurde politisiert. Andernfalls, also bei nicht linientreuem Verhalten, wurde einem schnell auch die Möglichkeit entzogen, Anerkennung für Leistungen zu erwerben. Man ließ einen solchen Bürger nicht beruflich aufsteigen.

    Jahns Buch läßt sich mit diesem Kernsatz zusammenfassen: „Ob man wirklich daran glaubte oder nicht, ob man mitmachte, obwohl man dagegen war, ob man es einfach nur tat, weil es eben so war und doch niemandem schadete – die ‚normative Kraft des Faktischen‘ setzte ein schwer zu widerlegendes Zeichen, das Zeichen der Zustimmung zum System.“

    Roland Jahn zeigt, wie die DDR funktionierte. Er schafft es, in seinem Buch die Art zu denken und zu leben, wie sie in der DDR war, nachvollziehbar darzustellen. Wer die DDR selbst erlebt hat, findet sich hier wieder. Das selbstkritische Hinterfragen des eigenen Denkens und Handelns kann Richtlinie auch für heute sein. Denn wie hoch ist der Anspruch, den man an sich selbst stellt, angesichts der zunehmenden Einschränkung von Grundrechten?

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  2. dreamjastie
    ·
    3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    4.0 von 5 Sternen
    Angst ist der Kitt der Diktatur, 13. März 2015
    Von 
    dreamjastie (Dresden) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (VINE®-PRODUKTTESTER)
      

    Rezension bezieht sich auf: Wir Angepassten: Ã?berleben in der DDR (Gebundene Ausgabe)
    Schweigen – Mitlaufen – Unterordnen – Mitmachen: Anpassung hat viele Facetten. Roland Jahn zeigt in seinem Buch einige, die er mit der DDR-Diktatur verbindet, und benennt seine Kapitel auch entsprechend. Doch geht es in WIR ANGEPASSTEN auch um das Widersprechen, um das Überwinden von Angst. Zusammen mit Dagmar Hovestädt hat der Leiter der Stasiunterlagenbehörde ein Buch über den "Eiertanz", über "die Theateraufführung des Alltags" in einer Gesellschaft geschrieben, die laut Jürgen Fuchs "in jeder Weise neurotisiert war gegenüber Abweichungen." Dabei will niemand gern ein Anpasser genannt werden, und doch zeigt Jahn in seinem Buch, dass selbst Oppositionelle wie Lutz Rathenow oder Friedrich Schorlemmer sich hier und dort mit dem System arrangierten und Kosten und Nutzen abwogen. Jahn plädiert für Verständnis, weil "das Leben unter den Bedingungen der Diktatur Menschen oft vor unmögliche Entscheidungen stellt." Mehr noch: "Menschen haben auch ein Recht auf Anpassung", wo die Konsequenzen des eigenen Handelns unkalkulierbar verheerende Folgen haben.
    Das Buch ist also keine Abrechnung mit den Bonzen, sondern möchte aufklären. Dafür verknüpft Jahn persönliche Erinnerungen mit den Erfahrungen von Freunden, Weggefährten und Fremden. Bekannte Ereignisse wie der 17. Juni 1953 oder die Ausbürgerung Wolf Biermanns ("War die Möglichkeit, meine Meinung zu dem Rauswurf sagen zu dürfen, wirklich wichtiger als meine berufliche Zukunft und die meines Vaters?") tauchen als Wegmarken auf, aber auch das Fahnenschwenken zum 1. Mai oder die vermeintliche Gefährdung der Jugend durch Udo Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow" werden thematisiert.
    "Das Rückgrat der Diktatur […] war das Schweigen. […] Die Angst war der Kitt der Diktatur." Roland Jahn beschreibt, wie er seine Angst und sein Schweigen überwindet und damit der ganzen Familie Nachteile und Ausgrenzung beschert. Seine Erinnerungen sind weniger Autobiographie als Reflektion, kein Sach- oder Faktenbuch sondern eines, in dem viele Fragen aufgeworfen und vom Autor nicht beantwortet werden, sondern das Gewissen des Lesers prüfen: wie hättest du gehandelt? Dabei macht Jahn deutlich: "Heute moralische Bewertungen an das Verhalten von damals anzulegen und pauschal zu verurteilen wird dem Leben in der Diktatur nicht gerecht." Seiner Meinung nach "waren es oft Zufälligkeiten, die Menschen mehr zur Anpassung oder mehr zum Widerspruch drängten."
    Roland Jahn hat es durch zahlreiche Gespräche mit den Eltern oder Weggefährten und nicht zuletzt durch einen Text wie den vorliegenden geschafft, mit seiner Biographie ins Reine zu kommen. Das spürt man auf jeder Seite. Das Bekenntnis zu den Momenten der Anpassung wie der Auflehnung sind dem Autor gleichermaßen wichtig. Und schließlich schlägt er den Bogen ins Heute: "Das Erzählen über die DDR – es ist auch eine große Chance für die nächsten Generationen, die es nicht erlebt haben. Sie können ihre Sinne schärfen, indem sie begreifen, was es heißt, wenn Rechte eingeschränkt sind, und es kann sie nachdenken lassen über die Einschränkung von Rechten heute." Diesem Anspruch wird WIR ANGEPASSTEN gerecht.

    © Steffen Roye

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  3. Bernd Roth
    ·
    26 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Ein besonders wichtiges Buch, 17. September 2014
    Von 
    Bernd Roth (Saalfeld) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Wir Angepassten: Ã?berleben in der DDR (Gebundene Ausgabe)
    Das Buch zeigt eine sehr ehrliche und persönliche Sicht. Es verzichtet auf die seit Jahren eher üblichen Klischees. Roland Jahn erzählt sein Leben, wo sich viele von uns ehemaligen DDR Bürger wiederfinden können. Es fordert geradezu heraus das eigene Leben zu resümieren. Roland Jahn`s Buch ist kein Buch, dass sich dem üblichen Mainstream beugt. Der Leser erfährt tiefe Einblicke zur DDR Wirklichkeit. Es ist ein sehr wichtiges Buch. Das schreibt ein ehemaliger Stasi Offizier – Bernd Roth
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