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  1. Michael Dienstbier
    ·
    544 von 579 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    "Das erste Mal, dass es in Paris knallt" (53)., 19. Januar 2015
    Von 
    Michael Dienstbier (Bochum) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (TOP 500 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Unterwerfung: Roman (Gebundene Ausgabe)

    Islamophob, islamfeindlich gar? So einen Blödsinn kann nur erzählen, wer Michel Houllebecqs neuen Roman "Unterwerfung" nicht gelesen hat, sondern seine Informationen lediglich aus dem medialen Dauerfeuer der vergangenen Tage bezogen hat. Und doch ist es eine Aura der Verachtung, die dieses Buch durchzieht und die nicht für jeden offensichtlich daherkommt, da sie sich nicht dumpf und voller Parolen zeigt, sondern in der für Houllebecq typischen präzis-kühlen Form, die so gnadenlos wie überzeugend ist. In einer Schlüsselszene des Romans begibt sich der Protagonist Francois, Mitte vierzig, Literaturwissenschaftler, Experte für den Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, kettenrauchend und daueralkoholsiert, sein Sexualleben zwischen jungen Studentinnen und den netten Damen vom Escortservice alternierend, ansonsten aber ohne jedes Interesse weder an seiner Umwelt noch an seinen Mitmenschen, zum neuen Präsidenten der Sorbonne, die nach dem Wahlsieg des Muslimkanditaten Mohammed Ben Abbes von Saudis übernommen und finanziert wird, alle Frauen (natürlich) entlassen hat, aber eben auch Francois, der allerdings jetzt zurückgewonnen werden soll. In diesem zentralen Gespräch streifen die beiden politische, literarische und religiös-philosophische Themen, und dabei immer wieder und vor allem Nietzsche. Und genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis von “Unterwerfung”, zum Verständnis der Verachtung, die zwischen den Zeilen deutlich wird und an wen diese gerichtet ist. Houllebecqs Verachtung gilt der modernen Ausprägung von Nietzsches letztem Menschen, dieser verkommenen Vorform des Übermenschen, gekennzeichnet durch Apathie, Opportunismus und einem Horizont, der die unmittelbare Befriedigung der eigenen Triebe selten übersteigt: “Was mich wirklich schockierte, was die Schlaffheit meiner Kollegen”, sinniert Francois kurz vor der Stichwahl zwischen Abbe und Marine Le Pen. "Sie haben anscheinend kein Problem, fühlen sich null betroffen" (69). Houllebecq entlarvt den republikanischen Pathos und den ständigen Bezug auf die Errungenschaften der Aufklärung als Hohlphrasen der Eliten, die sie blitzschnell bereit sind zu opfern, wenn der Übergang nur sanft genug gestaltet wird und keiner seine Privilegien verliert. Alle Frauen werden entlassen? Macht nichts, dafür sinkt die Arbeitslosigkeit. Polygamie wird erlaubt? Wunderbar, ist doch gut für die Geburtenrate. Der Sozialstaat wird abgeschafft und alle Verantwortung der “Keimzelle der Gesellschaft”, der Familie, übertragen? Da jubeln doch die Konservativen und Katholiken als erstes.

    Es ist eine düstere Zukunft, die Houllebecq hier entwirft. Im Jahr 2022 scheint keiner bereit, ja noch nicht einmal in Betracht zu ziehen, für die Werte des Westens zu kämpfen; die Mehrheit der Bevölkerung versinkt in Apathie und Gleichgültigkeit, die Eliten bestehen ausschließlich aus Opportunisten, die sich mit jedem Machthaber arrangieren können und die gesamte Presse berichtet aus Gründen der political correctness nicht über die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Vorfeld der Wahl. Es ist geradezu ein Witz, dass ausgerechnet Houllebecq, der sich gerne als anti-aufklärerischer, anti-humanistischer Nihilist produziert, der rückgratlosen liberalen Gesellschaft brutalst möglich einen Spiegel vorhält, und gerade so eine Wut, eine Kampfbereitschaft an den Tag legt, die eigentlich nur ein Aufklärer im besten Wortsinne an den Tag legen kann.

    Kein Houllebecq-Roman ohne Sex, dieser letzten Bastion des Menschen, dem einzigen, was ihn kurzfristig aus einer Apathie befreien kann, doch auch immer nur mechanisch, meistens freudlos, ohne Aussicht auf Transzendenz oder dauerhaftes Glück: "Der Schwanz ging von Mund zu Mund, die Zungen kreuzten sich, wie die Schwalben sich in leichter Unruhe im dunklen Südhimmel des Départment Seine-et-Marne kreuzen" (21) philosophiert Francois in einem seiner seltenen poetischen Anfälle, um wenig später desillusioniert festzustellen: "Erektionsprobleme auf der einen Seite, Scheidentrockenheit auf der anderen; es war besser, das zu vermeiden" (162). Kein anderer Autor hat die Unmöglichkeit der Erlösung, erst recht nicht im Jenseits, aber auch ganz bestimmt nicht im Diesseits, klarer, rücksichtsloser und beeindruckender dargestellt als Michel Houllebecq.

    Kann man an diesen Tagen eine Rezension zu “Unterwerfung" schreiben, ohne über Charlie Hebdo zu sprechen? Houllebecqs Gesicht prangte auf der Ausgabe, die an jenem 7. Januar 2015 veröffentlicht wurde und zudem noch eine lange Rezension seines Romans enthielt, geschrieben von Bernard Maris, der in den Redaktionsräumen erschossen wurde. Und doch…

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  2. euripides50
    ·
    277 von 299 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Von der Einsamkeit des libertären Menschen und den Verlockungen der Unterwerfung, 18. Januar 2015
    Von 
    euripides50 (K̦ln) РAlle meine Rezensionen ansehen
    (TOP 500 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Unterwerfung: Roman (Gebundene Ausgabe)

    "Mein Schw… war im Grunde das einzige Organ, das sich mir nie durch Schmerzen bemerkbar gemacht hatte, sondern nur durch rauschhaften Genuss. Bescheiden, aber robust, hatte er mir stets treu gedient – das heißt: vielleicht war es sogar umgekehrt, und ich diente ihm – doch sein Regiment war ein sanftes: nie befahl er mir etwas, gelegentlich ermunterte er mich nur in aller Bescheidenheit ohne Groll und Wut ein geselligeres Leben zu führen.“ Der Protagonist, der sich in dieser Weise vorstellt, heißt Francois, ist 44 Jahre alt, Literaturwissenschaftler und leidet an seiner sozialen Atomisierung. Seine Mutter wird in einem Massengrab verscharrt, seinen Vater hat er seit 10 Jahren nicht mehr gesehen, natürlich ist er kinderlos und schläft mit jungen Frauen, die seine Töchter hätten sein können. Mit anderen Worten: Francois repräsentiert den Typ des postmodernen Singles, der sein Leben nach dem Motto lebt: Nach mir die Sintflut. Dass er sich seiner sozialen Zombieexistenz bewusst ist und in der Gestalt des Schriftstellers K. Husymanns einen Kulturkritiker verehrt, der dies sein Leben lang beklagte, treibt die Dekadenz nur auf ihre reflexive Spitze.

    Francois erlebt im Jahre 2022 eine politische Umwälzung, bei der im zweiten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen die Sozialisten, um den Sieg des Front National zu verhindern, den liberalen Moslem Mohammed Ben Abbes unterstützen und ihm damit zum Sieg verhelfen. Nach dem triumphalen Sieg des moslemischen Kandidaten vollziehen sich schnell revolutionäre Veränderungen, die von der Mehrheit der Gesellschaft erstaunlich fatalistisch hingenommen werden. Zuerst und vor allem werden von den neuen Machthabern die Subventionen für Familie und Kinder in bisher unvorstellbarem Maße aufgestockt. Die weibliche Erwerbstätigkeit wird abgeschafft, was zu in einem krassen Rückgang der Arbeitslosenrate führt. Unter der Drohung der Shariajustiz geht die Kriminalität um 85 % zurück, und die zunehmende Verschleierung der Frauen in der Öffentlichkeit führt zum Ende der allgemeinen Durchsexualsierung des Alltags. Das allgemeinbildende Schulwesen endet im Alter von 12 Jahren, alle weitergehende Ausbildung muss privat finanziert werden. Polygamie ist selbstverständlich legal, Abtreibung und Prostitution sind verboten. Mit der freiwilligen Konversion des Literaturwissenschaftlers Francois endet das Buch.

    Obwohl sich das Buch stark mit französischen Internas beschäftigt und auf der konkreten Handlungsebene nicht sonderlich viel geschieht, habe ich den Roman von der ersten bis zur letzten Seite mit Spannung gelesen. Im Unterschied zu anderen didaktischen Romantraktaten wie etwa Eggers „Der Circle“ ist das Buch in einer geschliffenen, gut lesbaren Sprache verfasst. Wie aber steht es um den inhaltlichen Plot? Was ist die Diagnose Houllebecqs und wie wahrscheinlich ist sie? Zunächst macht dreierlei für Houellebecq den Sieg des Islam wahrscheinlich:
    (1) Der Überdruss des modernen Menschen an einer bindungslosen und leeren Freiheit (dargestellt an der deprimierenden Gestalt des Literaturwissenschaftlers Francois) und
    (2) der Defaitismus der etablierten linken und bürgerlichen Parteien, die den Liberalismus preisgeben, um den Sieg der Rechten zu verhindern, und
    (3) die Verlockungen eines liberalen Euroislams, der auf Samtpfoten daherkommt, um seine Ziele nur um so sicherer zu erreichen.
    Auf diese Weise vollzieht sich der Sieg des Islam nicht die Folge eines Bürgerkrieges, in dem die Muslime über die Masse zähneknirschender Autochthoner siegen. sondern er vollzieht sich ungefähr so, wie ein reifer Apfel vom Baum fällt, als eine weitgehend fatalistische "Unterwerfung“ libertär verunstalteter Existenzen unter eine neue Ordnung. Und in dem vorliegenden Buch erscheint dieser Wandel fast verlockend: Der Sieg des Islams bedeutet zwar die Abschaffung der freiheitlichen Gesellschaft, aber mit der Familie, der öffentlichen Sicherheit und der Moral geht es aufwärts. Auf einen Schlag verschwinden die Drogenabhängigen von der Straße, und endlich kann man wieder abends ohne Angst mit der U Bahn fahren. Der Islam revitalisiert die französische Gesellschaft, die nach dem Zusammenbruch der modernen Familie dabei war, vollkommen auseinander zu brechen. Dass man als Mann auch noch mehrere Frauen heiraten darf, ist eine erfreuliche Zugabe, die den dekadenten Francois schließlich veranlasst, am Ende des Buches aus rein opportunistischen Gründen zum Islam zu konvertieren.

    So ist das vorliegende Buch nicht in erster Linie eine Kampfschrift gegen den Islam sondern eine ätzende Kritik an der modernen libertären Gesellschaft, die den einzelnen derart vereinsamt und entkernt, dass…

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  3. Bücher-Bartleby
    ·
    341 von 379 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Bestechendes Werk über "Kollaboration", "Konversion" und Europa am Ende der Moderne, 16. Januar 2015
    Von 
    Bücher-Bartleby – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Unterwerfung: Roman (Gebundene Ausgabe)

    Nun können wir sie auf Deutsch lesen, Houellebecqs Phantasie der Islamisierung, die Verdrängung jener, die sich hilflos „Ureinwohner Europas“ nennen. Aber schon immer gab es ja ein Kommen und Verschwinden, wie sich die Hauptfigur Francois im Tal der Dordogne von einer Informationstafel belehren lässt: der Cro-Magnon Mensch hatte bereits den Neandertaler nach Spanien abgedrängt und zum Aussterben verurteilt.

    Vor Jahren hat Houellebecq den Islam als „dümmste“ aller Religionen bezeichnet. Jetzt, in „Unterwerfung“, scheint er ihn als intelligente Lösung für das niedergehende Europa zu empfehlen. Spott und Satire treffen den Westen: Das demokratische Wechselspiel, die Arbeitsteilung von Regierung und Opposition wird einmal als „Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs“ bezeichnet. Und die Linken und Liberalen hätten den Konflikt zwischen den „Ureinwohnern“ Europas und den muslimischen Einwanderern immer nur verharmlost, „von der gleichen Blindheit befallen wie die Trojaner“.

    Seit Jahren habe sich ein „bodenloser Graben“ aufgetan „zwischen dem Volk und jenen, die in seinem Namen sprachen, also Politikern und Journalisten“, sagt eine Figur im Roman. Als es 2022 zu einer Phase bürgerkriegsähnlicher Zustände kommt, werden die Ausschreitungen von den Medien einfach verschwiegen, um den Rechten nicht zuzuarbeiten. Die Wirklichkeit selbst ist politisch unkorrekt geworden und wird geflissentlich ignoriert. Das ist eine böse Karikatur, die in diese Tage passt, wo Politiker und Medienmenschen in beflissenem Appeasement versichern, die riesige Blutspur, die der Islamismus seit vielen Jahren in der Welt hinterlässt, habe ja rein gar nichts mit dem „eigentlichen“ Islam als Religion des „Friedens“ zu tun. Nun, ich denke, wenn die Täter „Allahu Akbar“ brüllen, während sie ihre Kalaschnikows leeren, hat es schon etwas mit dem Islam zu tun.

    Aber natürlich haben sich vor allem in Frankreich gleich besorgte Linke gemeldet: Ob Houellebecq nicht rechte Ideen alimentiert? Das ist ja der ewige ideologiekritische Reflex der Linken. Sie fragen nicht: Was ist dran, wie plausibel oder begründet ist das, sondern: In welche ideologische Schublade ist es zu stecken, ist es womöglich rechts? Und dann ist die Sache erledigt bzw. tabuisiert.

    Ein großes Thema im Roman: die „Kollaboration“. Francois‘ kurzer Versuch, sich auf den Spuren Huysmans in eine katholische Klosterzelle zurückzuziehen, scheitert an Äußerlichkeiten: Den Kettenraucher stört der Rauchmelder in seiner Klosterzelle, ebenso der in der Nähe vorbeidonnernde TGV und ein allzu schwärmerischer Mönch. Also lässt er sich schließlich von den Vorzügen des Islam überzeugen. Houellebecq ist ja beeindruckt von Huxley, und am Ende des Romans gibt es eine Szene, die an die Rede des Chefdenkers am Ende von „Schöne neue Welt“ erinnert. Nämlich die kluge, freundliche Rede des charismatischen Direktors der Sorbonne, die jetzt von arabischen Scheichs üppig finanziert wird. Er bietet Francois eine bestens bezahlte Professorenstelle an. Und er erzählt die Geschichte seiner eigenen Konversion, damals, als ihm klar wurde, dass das mürbe christliche Abendland keine Zukunft mehr habe und er kurzerhand von den „Identitären“ zum Islam überwechselte.

    Der Witz besteht darin, dass religiöse Inhalte für Francois keinerlei Rolle spielen. Dafür aber die Möglichkeit, mehrere Ehefrauen zu haben. Dass Männer (zumindest dominante, zu denen, wie sich Francois erfreut versichern lässt, auch Uni-Professoren gehören) im Islam mehrere Frauen haben können – wenn man an die Darstellung von Sexualität im Werk Houellebecqs denkt, erscheint das als (zumindest für seine Helden) plausible Utopie. Und es ist ein Spott auf den Islam als quasi evolutionsbiologisch effiziente Geschlechterordnung: Sex ist für die starken Männchen.

    Auch die Frauen, liest man, haben dabei ihre Vorteile. In einer Szene sitzt Francois im Zug und beobachtet einen arabischen Geschäftsmann, der panisch in irgendwelchem Zahlenmaterial blättert und hektisch telefoniert, ganz grau vor Angst, und ihm gegenüber seine beiden Frauen, die vergnügt zwitschern… So ist das im Islam, die Frauen unterwerfen sich, aber dafür dürfen sie auch lebenslang Kind bleiben. Und schaut euch diesen Mann an, ist doch gar nicht so erstrebenswert, ein autonomes Wirtschaftssubjekt zu sein!

    „Unterwerfung“ ist nicht nur in den Huysmans-Passagen eine Eloge auf die Literatur, die kann, was keine andere Kunst in diesem Maß kann:…

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