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  1. Werner Titz
    ·
    61 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Vom Triumpf der Tauschwerte über die Lebenswerte, 9. August 2015
    Von 
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    (TOP 1000 REZENSENT)
      

    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre (Taschenbuch)
    Ein international anerkannter Wirtschaftswissenschaftler, der die Ökonomie nicht den exakten Wissenschaften zuordnet, wie den Naturwissenschaften, sondern eher bei der Astrologie, der Soziologie oder der Philosophie ansiedelt, der muss ja Anstoß erregen im heutigen Diskurs der Hohepriester der vorherrschenden neokonservativen Lehre, die von der Berechenbarkeit aller wirtschaftlichen Vorgänge ausgeht und die Unfehlbarkeit der Märkte verkündet, wenn man diese nur möglichst ohne regulatorische Eingriffe walten ließe.

    Es wird auch verständlich, dass Varoufakis in der Runde der anderen 18 Euro-Finanzminister, mit denen er über ein halbes Jahr lang verhandeln sollte, keine Ansprechpartner fand. Er hätte auch *die schwedische Nationalhymne bei den Sitzungen singen können* sagte er kürzlich in einem Interview, und alle wären unverändert dagesessen ohne dass es zu einer Kommunikation gekommen wäre.

    Dieses Buch unterscheidet sich in Vielem von anderen Wirtschaftsbüchern.
    Unter anderem durch die Empathie mit der dieses Buch geschrieben wurde. Klar, es ist an seine Tochter gerichtet, daher ist der Ton schon von vornherein anders, aber es ist auf jeder Seite deutlich, dass hier kein ‚System‘ aufgebaut oder beschrieben wird, sondern dass es um die von der Wirtschaft betroffenen Menschen geht.

    Der Unterschied zwischen Gütern und Waren, der Unterschied zwischen freiwilliger und bezahlter Arbeit, der Unterschied zwischen Tauschwert und Lebenswert, alle Fragen die hier behandelt werden, sind Fragen des Humanismus, der Aufklärung, und der Existenz der Menschen generell.
    Welcher Mainstream-Ökonom fragt denn heute noch wie sich das, was für die ‚Optimierung‘ aller Lebens- und Arbeitsbereiche und zur Erreichung wirtschaftlicher Ziele vorgeschlagen wird, auf die Menschen auswirkt?

    Varoufakis gelingt es, Vorgänge mit einprägsamen Bildern deutlich zu machen.
    Der Tatsache, dass Banken das Geld aus dem Nichts schöpfen, gibt er eine weitere Dimension: *Die Banker schaffen das Geld aus der Zukunft. Der Banker nimmt einen Wert an sich, der noch gar nicht geschaffen ist, er holt ihn mit seinem langen Arm in die Gegenwart und gibt ihn mit Gewinn an einen Unternehmer weiter der damit seine Investition bezahlt.*
    Zur Krise kommt es,*wenn die Gegenwart der Zukunft den Wert nicht zurückzahlen kann, den das Bankensystem aus ihr bezogen hat*. Wenn es soweit kommt, muss *die Atmosphäre vom Smog der Schulden gereinigt werden und der Erholungsprozess in Gang gesetzt werden*, also durch den Schuldenschnitt. Der Schuldenschnitt, ein sonst allgemein üblicher Vorgang, der ausgerechnet Varoufakis und seinem Land verwehrt wurde, wie um zu beweisen dass die herrschende Lehre keine Häresien in ihrem Einflussgebiet duldet.

    Auch einem anderen Dogma der derzeit herrschenden Ideologie widerspricht Varoufakis, nämlich dem, dass es keine Arbeitslosigkeit gäbe wären nur die Löhne niedrig genug. Varoufakis führt aus, dass der Preis der Arbeit, also der Lohn, nicht der ausschlaggebende Faktor am Arbeitsmarkt ist. Wenn der Unternehmer am Markt keine Chance für Umsatzsteigerungen sieht, wird er auch die billigsten Arbeitskräfte nicht einstellen (außer er entlässt dafür besser bezahlte).
    Wenn sich ein Boom abzeichnet, wird der Unternehmer auch höhere Löhne zahlen, denn die anderen machen das dann auch. Mit dem Argument der Lohnzurückhaltung oder des Lohndumpings schaden wir uns nur selbst ‚ und der Wirtschaft – durch immer geringere Kaufkraft.

    Solche Details, und die großen Themen wie Preise, Werte, Schulden, Staat, Krise, Ökologie, Ungleichheit, machen dieses Buch zu einer spannenden Lektüre, aufgelockert durch Beispiele aus dem großen Wissensvorrat des Autors, der einen großen Bogen spannt von der schicksalhaften Kraft der Vorhersage im Ödipus-Drama von Sophokles bis zur beängstigenden Zukunft von Science-Fiction-Filmen unserer Zeit.

    Für Varoufakis, dem Autor des *Globalen Minotaurus*, ist dieses Buch aus wissenschaftlicher Sicht natürlich ein Nebenprodukt.
    Trotzdem 5 Punkte dafür, dass er anschaulich einen intelligenten Weg vorzeigt *der die Fähigkeiten des Menschen zum gemeinschaftlichen Entscheiden und Handeln reaktiviert*, damit sie aufhören ‚idiotes‘ zu sein, wie im antiken Griechenland diejenigen genannt wurden, die sich weigerten, in Begriffen des Gemeinwohls zu denken.

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  2. Alfons Kilad
    ·
    50 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Ein Ökonom auf ungewohnten Wegen, 1. August 2015
    Von 
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    Rezension bezieht sich auf: Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre (Taschenbuch)

    Wer sich dafür interessiert, warum man sich bei Varoufakis meist mehr mit seinem Outfit und seinem persönlichen Lebensstil beschäftigt als mit seinen Vorstellungen zur Wirtschaft, findet in dieser neusten Veröffentlichungen eine nachvollziehbare Erklärung. Denn selbst wer schon viele (auch interessante) Bücher zum Thema "Wirtschaft und Krise" gelesen hat, wird nach der Lektüre von "Time for Change" feststellen, dass Varoufakis irgendwie anders mit dem Thema umgeht – und diese andere Herangehensweise gefällt natürlich nicht jeden. Das fängt schon bei der Art und Weise an, wie er seine Theorie vermittelt.

    So sollte man die Tochter von Varoufakis als erklärten Adressat nicht zu wichtig nehmen, wie Varoufakis selbst im Vorwort zur deutschen Ausgabe betont (S.9). Eher geht es dem Autor wohl darum, möglichst viele Menschen – also auch die "Wirtschaftsmuffel" – zu erreichen. Aber gerade dies macht die Sache so interessant, besonders wenn man bedenkt, dass Varoufakis alles, was ihm zum gewählten Thema wichtig erscheint, auf gerade einmal 180 Seiten unterbringt – und dies in der Tat in recht verständlicher und nachvollziehbarer Form. Dies liegt sicher auch daran, dass Varoufakis sich Beispielen und Analogien bedient, die gewöhnlich nicht mit dem Thema "Wirtschaftstheorie" in Verbindung gebracht werden. So gibt es auch hier wieder – wie schon in der früheren Veröffentlichung "Der globale Minotaurus" – Rückgriffe auf die griechische Mythologie. Ergänzt wird dies allerdings nun durch zahlreiche Rückgriffe auf Literatur und Film, wie z.B. Doktor Faustus, Frankenstein und auf die Matrix-Triologie, welche sogar eine recht zentrale Stelle bei der Erklärung des Arbeitsmarktes einnimmt (der arbeitende Mensch kann nicht zur Maschine werden). Darüber hinaus gibt es jedoch auch viele Rückgriffe auf geschichtliche Ereignisse. So erklärt Varoufakis z.B. den Charakter von Geld sowie Inflation und Deflation (mit Bezug auf Richard Radford) durch die Geldfunktion von Zigaretten in deutschen Kriegsgefangenenlagern (S.151f), oder die Wurzeln der Ungleichheit, durch eine Antwort auf die selbstgestellte Frage: "Wieso sind die australischen Aborigines nicht in England eingefallen?" (S.13ff), was natürlich nicht am Gen oder der Hautfarbe liegt. Dabei bleibt Varoufakis jedoch stets beim Thema. Für ihn ist die heutige Art des Wirtschaftens ein geschichtlicher Prozess und wird stets als widersprüchliche Angelegenheit betrachtet.

    Die Konzentration auf die wesentlichen Aspekte wirtschaftlicher Entwicklung, betrifft auch den Unterschied seiner Vorstellungen zu anderen Ökonomen. Dies geschieht stets im Rahmen der Darstellung seiner Wirtschaftstheorie. So wird der/die für wirtschaftliche Fragen interessierte Leser/Leserin viel Bekanntes entdecken, manches in Gestalt einer kritischen Betrachtung, anderes wiederum als positiven, anregenden Rückgriff. Stets geht es jedoch um die grundsätzlichen Streitpunkte in Varoufakis Zunft. Es ist überhaupt schwierig, Varoufakis Anschauung in die übliche Wirtschaftsdebatte einzuordnen. Er ist – streng genommen – weder Keynesianer noch typischer Marxist, obwohl stets Anleihen existieren. Nur macht Varoufakis daraus stets seine eigene Sache, was natürlich auch viel Stoff für Kritiken aus allen Richtungen liefern kann – jedoch auch zum Hinterfragen gewohnter Sichtweisen. Kritiker wie Befürworter von Varoufakis finden hier sehr viel Material für eine sachlicher Auseinandersetzung ebenso wie neue Ansätze.

    Ungewohnt ist sicherlich für einige gestandene Ökonomen wohl auch, dass Varoufakis die existierende Waren- und Geldwirtschaft selbst zum Hauptgegenstand seiner kritisch-analytischen Sichtweise macht und damit letztlich auf die Wurzeln der ganzen Angelegenheit zurückgeht. Das Resultat ist, dass durch eine neue (oder bessere) Orientierung bei "der Macht der Märkte" und des Geldes, sich plötzlich ungewohnte Perspektiven eröffnen, obwohl Varoufakis selbst – außer seiner kurzen Betonung der Bedeutung einer (echten) Demokratie statt Marktgesetze – keinen gesellschaftlichen Gegenentwurf entwickelt. Dieser Verzicht passt jedoch ins Konzept, da Varoufakis die vorherrschende Ökonomie für eine "Theologie nach Gleichungen" hält (S.S.175), womit er sich auch von Marx und seinen Gesetzesbegriff deutlich abgrenzt. Varoufakis beschränkt sich auf die wesentlichen Wahrheiten der heutigen Art des Wirtschaftens (Zusammenfassung S.174) und stellt – nicht nur seine Tochter "vor der harten Wahl zwischen der blauen und der roten Pille" (S.175), d.h. zwischen "trügerischer Scheinwelt" und einem "schwierige(n) und gefährliche(n) Leben", was jedoch zugleich die einzige…

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  3. Oliver Völckers
    ·
    36 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Marktwirtschaft vs. Demokratie, verständlich erklärt, 5. August 2015
    Von 
    Oliver V̦lckers (Berlin, Deutschland) РAlle meine Rezensionen ansehen
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    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre (Kindle Edition)
    Yanis Varoufakis versuchte als griechischer Finanzminister, sich dem Euro-Diktat entgegen zu stemmen. Als Wirtschaftsprofessor und Buchautor wird er weltweit respektiert und anscheinend nur in Deutschland heftig angegriffen.

    Dieses Buch schrieb er 2014 noch vor seiner Zeit als Finanzminister, aktuelle Entwicklungen werden darin also nicht behandelt. Vielmehr ist es ein grundsätzliches Buch, das das Prinzip der Marktwirtschaft, deren Geschichte und Perspektive verständlich erklärt. Während sein Buch ”Der globale Minotaurus” die Zeit ab dem 20. Jahrhundert detailliert untersucht, behandelt ”Time for Change” die ganze Wirtschaftsgeschichte in einer kurzen Zusammenfassung.

    Der Stil ist typisch Varoufakis und für manche gewöhnungsbedürftig: Er bezieht sich ebenso auf griechische Mythen und auf aktuelle Kinofilme und versucht hier, sich möglichst einfach auszudrücken. Die Herangehensweise ist dabei immer, wie sind die Verhältnisse entstanden, die wir heute erleben? Warum so und nicht anders? Brillant ist an diesem Buch, dass der Autor keine vorgefertigten Antworten abschreibt, weder von bürgerlichen noch von marxistischen Autoren. Er geht hier seinen eigenen Weg und kommt dabei immer wieder auf originelle Zusammenhänge und Erklärungen. Manche mag der saloppe Stil stören, aber spannend zu lesen ist es auf jeden Fall. Wichtiger als die konkreten Beispiele ist die Herangehensweise, gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse aus ihrer Geschichte zu erklären.

    Von Linken wurde der Minister mitunter als zu staatstragend abgelehnt. Seine Aussage „Wir müssen den Kapitalismus vor sich selbst retten“ wurde als sozialdemokratisch interpretiert. Kritiker von rechts dagegen hatten der geballten Fachkompetenz nichts entgegen zu setzen und setzten eher auf persönliche Verunglimpfungen.

    Ist Varoufakis nun ein orthodoxer Kommunist, Opportunist oder getarnter Wirtschaftsliberaler? Keins davon. Er ist ein radikaler Demokrat und garantiert kein Anhänger einer Diktatur des Proletariats im Sinne der Ostblockstaaten. Wenn aber Demokratie gegen Marktwirtschaft steht, steht er klar auf Seiten der Demokratie. Da, wie wir bei Rosa Luxemburg lesen können, Sozialismus und Demokratie keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen, steht auch Varoufakis im Zweifel links.

    In seinem Buch vermeidet er jeden sozialistischen Jargon. Dennoch zerlegt er hier gnadenlos alle Illusionen über die Marktwirtschaft. Das Leistungsprinzip ist nicht verwirklicht, sondern Eliten haben die Macht. Nicht etwa fleißige Menschen werden reich, sondern vor allem Besitzer der Produktionsmittel, unterstützt von den Banken. Letztlich zerstört die profitorientierte Lebensweise die Umwelt, und Verschmutzungs-Zertifikate können die Marktwirtschaft nicht in Einklang mit der Natur bringen. Ebenso können Lohnsenkungen den Arbeitslosen nicht wieder Arbeit verschaffen, wie Varoufakis zeigt.

    Im Schlusskapitel fordert der Autor die Leser auf, entsprechend dem Film „Matrix“ sich nicht mehr einlullen zu lassen, sondern die Realitäten zu sehen, nämlich…
    "Die Wahrheit, dass wir Tag für Tag dem Erwerb von Dingen nachlaufen, die wir gar nicht wirklich wollen oder brauchen –einzig und allein, weil die Matrix des Marketings und der Werbung sie uns erfolgreich in den Kopf gesetzt hat.
    Die Wahrheit, dass wir uns verhalten wie idiotische Viren, die den Organismus, den Planeten zerstören, auf dem sie leben.
    Die Wahrheit, dass unsere Gesellschaften nicht einfach nur ungerecht sind, sondern bestürzend ineffektiv darin, wie sie unsere Möglichkeiten verschleudern, echten Reichtum zu erzeugen, was dazu führt, dass sie auch ungerecht sind.
    Die Wahrheit schließlich, dass derjenige, der diese Wahrheit sieht und ausspricht, gnadenlos von der Gesellschaft bestraft wird, die es nicht erträgt, sich selbst im Spiegel der Logik und des kritischen Denkens ins Auge zu sehen."
    (Zitate von S. 174)

    Das Buch endet auf S. 179:
    "Wenn du die blaue Pille nimmst, bist du nicht mit dem sadistischen Absolutismus der herrschenden Ideologie konfrontiert. Dein Leben wird schmerzlos verlaufen, unkompliziert, in Harmonie mit den Erwartungen der Machtausübenden. Nimm die rote Pille, die dir die Denk-und Sichtweise dieses Buches bietet, und dich erwartet ein schwieriges und gefährliches Leben."

    Wer dieses Buch mag, interessiert sich vielleicht auch für E.A. Rauters „Vom Faustkeil zur Fabrik“. Wer etwas zur aktuellen Situation Griechenlands im Konflikt mit den „Geber“ländern sucht, lese Ernst Wolffs "Weltmacht IWF: Chronik eines Raubzugs“.

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