Kommentare

3 Kommentare

  1. Jeannette Hagen
    ·
    70 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Nüchtern betrachtet, 5. Mai 2015
    Von 
    Jeannette Hagen (Berlin) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (REAL NAME)
      

    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Nüchtern: �ber das Trinken und das Glück (Gebundene Ausgabe)
    Als ich mir das Buch von Daniel Schreiber gekauft habe, war ich es schon: nüchtern. Kein Aperol Spritz, kein kühler Weißwein mehr, der mir die Sicht auf die Erkenntnis vernebelte, dass Alkohol viel zu lange dazu gedient hat, mein Leben weichzuspülen. Nicht exzessiv, nie unangenehm, nicht laut – nur regelmäßig.
    Alkohol ist eine Volksdroge. Ein gesellschaftlich anerkanntes Rauschmittel, das Jahr für Jahr Tausende Menschen tötet. Wer trinkt, gehört dazu. Wer nüchtern bleibt, wird schnell zur Spaßbremse degradiert. Menschen, die das Trinken als Kulturgut in den Himmel heben, gibt es en masse. Menschen, die den Mut haben, die nüchternen Fakten jenseits von Gesundheitsberichten offen auf den Tisch zu legen, findet man dagegen eher selten. Noch kostbarer sind jedoch all jene, die nicht nur nichts verklären, sondern uns abseits von anonymen Gruppen mit ihren Erfahrungen bereichern.
    Das ist einer von mehreren Gründen, warum dieses Buch ein großes Geschenk ist. Weil der Autor den Spot direkt auf ein kollektives Drama richtet, das von Betroffenen und Zuschauern allzu gern weichgezeichnet wird. Daniel Schreiber gelingt das auf sehr charmante, geradezu feingeistige und sensible, aber eben auch auf sehr direkte Art. Denn was kann authentischer sein, als die eigene Geschichte zu erzählen und sie geschickt in die Tatsache einzuflechten, dass die Selbstzerstörung durch Alkohol mittlerweile fast zum Volkssport aufgestiegen ist.
    Was mir beim Lesen wirklich imponiert hat, war, wie unprätentiös Daniel Schreiber das Thema anpackt. Da ist kein erhobener Zeigefinger, keine spießige Ode an die Abstinenz. Schreiber lenkt den Blick auf etwas anderes und das ist ein weiteres Geschenk dieses Buches. Er zeigt uns die andere Seite. Die, die wir hinter unseren täglichen Trinkritualen gar nicht mehr erkennen können. Und das ist sehr geschickt, denn damit entzaubert er die Mär, dass wir auf etwas verzichten müssen, wenn wir nüchtern bleiben. Schreiber verschiebt den Fokus auf den Gewinn, auf das Glück, sich nüchtern zu begegnen ohne zu bagatellisieren, dass Abstinenz für einen Abhängigen für immer eine Herausforderung bleibt. Weil man sie nicht verlernt. Weil sie in uns gespeichert ist – ein Leben lang.
    "Nüchtern" ist ein Buch ganz in Kafkas Sinne. Eines, das "beißt und sticht". Man kann es nicht lesen und danach völlig selbstvergessen zum nächsten Glas greifen. Das sollte jeder wissen, der es in die Hand nimmt.
    Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 

    War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
    Nein

    Missbrauch melden
    | Kommentar als Link

    Kommentar Kommentar

  2. Heino Bosselmann
    ·
    19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    "Erfahrungen mit dem inneren Tod", 25. Dezember 2015
    Von 
    Heino Bosselmann (Wittow) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Nüchtern: �ber das Trinken und das Glück (Gebundene Ausgabe)

    Dieses Buch zum einschlägigen Thema Alkoholismus kommt ohne Didaktik, ohne Betroffenheitsdramatik und ohne jedes Lamento aus. Stattdessen klare Sicht und tiefe Blicke. Es handelt sich nicht um „Ratgeberliteratur“, die oft genug in propagandistischer Pose auftrumpft, vielmehr um eine Art freimütiger Protokoll-Literatur im besten Sinne.

    Hier hat sich einer in Überwindung seiner Abhängigkeitserkrankung nicht nur gerettet, sondern selbst kennengelernt und den einzig möglichen Weg aus der neurobiologischen Festlegung seines Alkoholikerlebens gefunden, jenen der Sorge für das eigene Selbst und der Verantwortung – für die eigenen Geschicke und für die anderen, die das eigene Leben berührt und oft genug in Mitleidenschaft gezogen hat.

    Ohne Sentimentalität, aber durchaus einfühlsam, ohne Redundanzen und Standardargumente oder Beschwörungsformeln gelingt es Daniel Schreiber Ausdrücke für sein Problem zu finden, in dem sich überhaupt das Drama menschlicher Existenz extrem spiegelt. Was man liest, das ist sehr ehrlich, sehr treffend, sehr schlüssig, so dass man die Freude an der Entdeckung des eigenen Selbst, in dem der Schlüssel für die Genesung zu finden ist, nachvollziehen kann. Mit dem Gewinn der Nüchternheit gewinnt sich der Autor gleichsam selbst wieder zurück, gewissermaßen als einer, der sich verloren hatte. Schreiber gehen, erst trocken, dann nüchtern geworden, Erklärungen für das eigene Ungemach auf, die so schlüssig sind, dass sie anderen Betroffenen Impulse zu geben vermögen, weil es philosophisch wie therapeutisch stets doch zuerst darum gehen mag, Widrigkeiten auf den Begriff zu bringen oder sie gar als zu lösende biographische Aufgabe zu verstehen.

    Ganz folgerichtig, dass Schreiber die Schärfung seines Blicks für das eigene Dilemma zwar vor allem dem Vermögen zur qualifizierten Selbstreflexion verdankt, ebenso aber den Erfahrungen anderer, die er etwa bei den Meetings der Anonymen Alkoholiker kennenlernte, dieser famosen Selbsthilfeorganisation, der sich die Rettung so vieler Leben verdankt. – Bei aller verschiedenen Ausformung der vom Alkohol beeinflussten und oft genug deformierten Biographien handelt es sich im Wesen doch um ein und dieselbe Geschichte, denn wo Alkohol das Problem ist, ist zunächst Alkohol das Problem. Und diese Geschichte wird so unaufdringlich wie lebensklug erzählt und gedeutet, dabei allerlei sinnvoll erhellende Bezüge von Neurobiologie bis Soziologie herstellend und nebenher mit Statistiken und Querverweisen in die Publizistik zum Thema bereichernd.

    Schlicht gesagt: Schreiber kennt sich aus – mit dem Alkohol und, wichtiger noch, mit sich selbst. Offenbar war das seine Rettung, dieser Mut, sich kritisch und intelligent selbst zu prüfen und dann Konsequenzen zu ziehen bzw. diese mutvoll auszuprobieren. Und weil er über soviel Sensorium wie Intellekt verfügt und zudem über Fähigkeit, erfrischend zu schreiben, ohne aus der eigenen Sache ein Rührstück zu machen, ist ihm zudem der gesellschaftliche und alltagskulturelle Hintergrund unserer so stressigen wie neurotischen und daher latent süchtigen Gesellschaft klar:

    „Auf berufliche und finanzielle Ängste, auf wachsende soziale Ungleichheit und Befürchtungen des sozialen Scheiterns, auf zu hoch geschossene Erwartungen mit dem Griff zum Glas zu reagieren könnte nicht normaler sein. In gewisser Hinsicht ist dieses Verhaltensmuster sogar eine der Stützen unserer Gesellschaft. Es gehört zum Schmieröl, das die Kapitalismus-Maschine am Laufen hält und uns ihr Knirschen immer wieder überhören lässt. Das Trinken ist die einzige vollumfänglich anerkannte Abschaltstrategie der Stressgesellschaft unserer Tage und als solche wird es auch aufs Bitterste verteidigt.“

    Was aber nicht davon befreit, um des eigenen Überlebens willen die eigene selbstbestimmende Freiheit zu bewahren und mindestens den Pflichten gegenüber sich selbst nachzukommen. Jeder, der an einer Sucht leidet, hat eine wesentliche Aufgabe zu lösen, wenn er dem vorzeitigen und selbst verschuldeten Tod entgehen will:

    „Die Grundlage für jedes nüchterne Leben ist daher (…) eine echte Sorge für sich selbst. Diese Sorge besteht darin, sich all jenen Konflikten und unangenehmen Gedanken zu stellen, die einmal zum Trinken beitrugen. Sie besteht darin, sich wirklich selbst kennenzulernen, Verantwortung dafür zu übernehmen, wer man ist, und dieses authentische Selbst nicht an Dinge zu verraten, die schnelle Befriedigung versprechen. (…) Denn Nüchternheit bedeutet auch immer, sich von den großen Erzählungen seines Lebens zu verabschieden, von all den…

    Weitere Informationen

    Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 

    War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
    Nein

    Missbrauch melden
    | Kommentar als Link

    Kommentar Kommentar

  3. Klar im Kopf
    ·
    32 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Dieses Buch war ein wichtiger Schritt in einen neuen Lebensabschnitt, 21. Oktober 2015
    Von 
    Klar im Kopf – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Nüchtern: �ber das Trinken und das Glück (Gebundene Ausgabe)
    Warum bewerte ich das Buch mit ganzen 5 Sternen?

    Ganz einfach, es hat einen Stein ins rollen gebracht der so bitter nötig war. Das mag komisch klingen aber das Buch hat mich gefunden und nicht umgedreht. Ich habe dieses Buch verschlungen, dabei habe ich mich oft gefragt ob der Autor dieses Buch für mich geschrieben hat. All das was er beschreibt, deckte meine persönlichen Erfahrungen mit dieser Krankheit. Es sind eben nicht nur die krank, die morgens nach dem aufstehen erstmal einen Schluck nehmen müssen um klar zu kommen. Nein man ist dann krank wenn man es einfach nicht mehr lassen kann obwohl man es so gern möchte. Dabei spielt die Menge eine untergeordnete Rolle. Bei mir war es eine Flasche Wein und zwei Bier am Abend. Und am Wochenende so lang bis ich in der Bar am Tresen eingeschlafen bin. Dieses Buch hat mir die Augen geöffnet, obwohl mir bereits lange vorher klar war das ich ein großes Problem habe. Als ich das Buch durchgelesen hatte, ging ich zum Arzt und ließ mich für einen Entzug ins Krankenhaus überweisen. Das ist jetzt 3 Monate her und ich möchte nie wieder in das alte Leben zurück.

    Ein ehrliches Buch was dem unentschlossenen einen Schubs in die richtige Richtung geben kann. Dabei kommt es nie belehrend oder besserwisserisch daher. Und ganz nebenbei versteht man, dass nicht der Konsum normal ist sondern die Nüchternheit. Dem einen oder anderen mag das Buch vielleicht zu oberflächlich daher kommen, für mich persönlich hat es wie die Faust aufs Auge gepasst.

    Ich habe diesem Buch sehr viel zu verdanken!

    Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 

    War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
    Nein

    Missbrauch melden
    | Kommentar als Link

    Kommentar Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

doFollow