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  1. Manfred Orlick
    ·
    5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Fesselnder Blick auf die deutsche Literaturgeschichte, 11. Oktober 2015
    Von 
    Manfred Orlick (Halle, Deutschland) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (HALL OF FAME REZENSENT)
      
    (TOP 500 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Meine Geschichte der deutschen Literatur: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Kindle Edition)
    Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) gilt als der bekannteste und einflussreichste, aber auch umstrittenste deutschsprachige Literaturkritiker der Nachkriegszeit. Bereits ein Jahr nach seinem Tod erschien die vorliegende Auswahl von seinen Beiträgen zur deutschen Literaturgeschichte. Die persönlichen Texte zeugen von dem ungeheuren Wissen des provokanten Literaturkenners, beweisen aber auch seine große Liebe zur Literatur.

    Die Auswahl der Essays hat Thomas Anz, Professor für Neuere Literatur an der Universi-tät Marburg und Reich-Ranicki-Biograf, vorgenommen, der in seiner Einleitung darauf verweist, dass Reich-Ranicki ein Kritiker mit Leib und Seele war. Wie kein anderer hat er die literarischen Neuerscheinungen gesichtet, sondiert und rezensiert.

    Die knapp siebzig Texte der Auswahl entstanden in einem reichlichen halben Jahrhundert, zuvor meist in der FAZ veröffentlicht. Sie überspannen die deutsche Literaturgeschichte vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert. So finden sich hier Porträts von Walter von der Vogelweide, Friedrich Schiller, Ludwig Börne, Alfred Polgar oder Erich Kästner. Breiten Raum nehmen Beiträge (vor allem Rezensionen) der deutschen Nachkriegsliteratur ein, wobei Reich-Ranicki West und Ost gleichermaßen betrachtet. Häufig nahm er diese Neuerscheinungen zum Anlass für literarische Überlegungen und Vergleiche.

    Andere Aufsätze vermitteln Überblicke zu literarischen Entwicklungen. So beleuchtet er in „Poet und Ermittler – zum Tode von Peter Weiss“ die politischen Anschauungen vieler linker Literaten in den 60er und 70er Jahren oder in „Über die Lyrik der Ulla Hahn“ die lyrische Gattung im Allgemeinen, wo Ulla Hahn neue Töne und Motive gefunden hat. Viele der im letzten Kapitel versammelten Texte sind Abschiede oder Nachrufe auf Schriftsteller/innen, mit denen Reich-Ranicki eng verbunden war: Koeppen, Andersch, Böll, Johnson oder Jandl.

    Die Essays kommen aber in keiner Weise gelehrig daher, sie versuchen vielmehr eine Brücke zwischen fundierter Literaturgeschichte und Unterhaltung zu schlagen. In Ergänzung ist rund ein Jahr später mit „Meine deutsche Literatur seit 1945“ ein weiterer Auswahlband mit Essays von Reich-Ranicki erschienen. Beide Bände zusammen vermitteln einen außergewöhnlichen und fesselnden Blick auf die deutsche Literaturgeschichte.

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  2. Happyx
    ·
    5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Sein Herz schlug für die deutsche Literatur., 14. September 2014
    Von 
    Happyx (Sei Du selbst, alle anderen sind schon vergeben. (Oscar Wilde)) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (TOP 500 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Meine Geschichte der deutschen Literatur: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Kindle Edition)
    Ich stimme in vielen Bereichen mit Reich-Ranicki nicht überein, trotzdem mag ich alle Essays, die in diesem Buch versammelt sind. Alle haben eine klare Meinung, mehr oder weniger sachlich begründet.

    Zur Einführung drei grundlegende Themen:

    Das Herz
    Juden in der deutschen Literatur
    Frauen dichten anders

    Danach 4 Kapitel vom Mittelalter bis zur Gegenwart mit insgesamt über 60 Essays zu bekannten Schriftstellern, abgerundet durch einen umfassenden Anhang.

    MRR war ganz Literatur. Er hat auf der Flucht m.E. den Maßstab für seine Bewertungen entdeckt. Er musste der Familie in Warschau, die ihn vor den Nazis versteckte, jeden Abend Geschichten erzählen und benutzte dazu Vorlagen und Ideen aus der Literatur. Je spannender, unterhaltender, überraschender, umso besser. Mein Leben Kein Wunder für mich, dass er Hesse wenig abgewinnen konnte: "Überdies ist Hesses so penetrante wie programmatische Innerlichkeit mittlerweile schwer erträglich." (S. 252) Die Frage wäre für mich immer, was soll Literatur bewirken. Soll sie unterhalten oder tatsächlich einen Beitrag dazu leisten, nach dem Lesen ein mutigeres, menschlicheres Leben zu führen? Wer danach sucht, liegt bei Hesse immer richtig, seine Kunst, Menschen in ihren Seelen zu gründen, gelassen und menschlich zu werden, ist eine sehr große. Dass dies weniger gut nachzuerzählen ist als andere Inhalte liegt auf der Hand.

    Bei Walser schreibt MRR am Ende: "Wie auch immer: Martin Walser hat offenbar nicht mehr den Ehrgeiz, die Welt zu verändern. Er will nur ein Stück dieser Welt zeigen. Mehr sollte man von der Literatur nicht verlangen." Diesem letzten Satz würde ich nicht zustimmen: selbstverständlich kann Literatur die Welt verändern – und das beginnt in jedem einzelnen Individuum bzw. der Chance, ihm etwas Ermutigendes, Hilfreiches zu vermitteln, um selbstständig denken zu können und zu der weltweiten, notwendigen Kooperation aller beizutragen.

    Bei Elfriede Jelinek spürt man die Macht dieser Frau sogar über ihn, am Ende schreibt MRR, nachdem er ihr zuvor eher bescheidenes literarisches Talent zubilligte: Sie ist schon eine dolle Frau, diese Elfried Jelinek. Es ist das kürzeste und m.E. schwammigste seiner Essays in diesem Buch.

    Ganz hervorragend und aus dem Innenleben der jüdischen Schriftsteller kommend ist der Teil "Juden in der deutschen LIteratur. Ebenso wunderschön zu lesen der erste, die Abhandlung über das Wort "Herz" und seine Verwendung in der deutschen Literatur.

    Wenn man das Provozierende, Unterhaltende, auch das Gemeine und Unterstellende abzieht, dann ist Marcel Reich-Ranicke ein guter Haltepunkt, um mit diesem Buch eine weite Sicht auf die deutsche Literatur zu erhalten.

    Ihn und auch andere Kritiker nicht als das Maß aller Dinge zu sehen, wer wüsste heute nicht, dass dies in allen Herangehensweisen das Beste ist.

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  3. Winfried Stanzick
    ·
    27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Eine beeindruckende editorische Leistung, 18. September 2014
    Von 
    Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Meine Geschichte der deutschen Literatur: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Gebundene Ausgabe)
    Ein Jahr ist es nun schon her, dass die klare und deutliche Stimme Marcel Reich-Ranickis nicht mehr zu hören ist in den deutschen Feuilletons. Unter den anderen großen Literaturkritikern ist auch keiner in Sicht, der jemals in seine Fußstapfen treten könnte. Aber vielleicht geht das auch gar nicht.

    Wenn man das von dem Marburger Literaturwissenschaftler Thomas Anz herausgegebene Buch „Meine Geschichte der deutschen Literatur. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ zur Hand nimmt und beginnt darin zu lesen, dann bekommt man auch einen Eindruck, warum das so ist.

    Die Auswahl von Thomas Anz ist genau nach dem Vorsatz Reich-Ranickis entstanden, „der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten“. Die vorliegende Sammlung ist die bisher umfassendste Ausgabe von Essays eines Menschen, der sein ganzes Leben lang seine leidenschaftliche Begeisterung für die deutsche Literatur zeigte, wo immer er einen geeigneten Platz dafür fand. In großen deutschen Feuilletons, dann auch in der unvergessenen Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ und immer wieder in eigenen Büchern hat er immer für eine eigenwillige Auswahl an Literatur gestanden und dabei nicht selten anderen Autoren Unrecht getan.

    Auf jeden Fall hat Reich-Ranicki immer „Kante“ gezeigt, wie die jungen Leute heute sagen würden. Die vorliegende Auswahl von Essays zeigt das deutlich. Thomas Anz, ein ganz besonderer Kenner des Werks von Reich-Ranickis hat sie in 5 Teile gegliedert.
    In einem ersten einführenden Teil sind drei Essays wieder zugänglich gemacht, die sich allgemein mit deutscher Literatur befassen:
    „Das Herz – der Joker in der deutschen Dichtung“ (1982)
    „Die verkehrte Krone oder Juden in der deutschen Literatur“ (1995)
    „Frauen dichten anders“ (1998)

    Es folgen die Kapitel.
    • Vom Mittelalter bis zur Romantik
    • Vormärz und Realismus
    • Literarische Moderne bis 1945
    • Von der Nachkriegsliteratur bis zur Gegenwart
    Es macht Sinn, die drei Essays zur Einführung zuerst zu lesen, bevor man dann, sicher in einer subjektiven Auswahl sich andere Texte des Buches vornimmt. Schon hier wird deutlich, wie enthusiastisch, aber auch provozierend und zornig, der große Mann der Literatur an sein Sujet heranging. Beeindruckend immer wieder sein fast enzyklopädisches Wissen nicht nur über die deutsche Literatur.

    In einen umfangreichen Anhang findet der Leser nicht nur eine Übersicht der gesammelten Schriften Marcel Reich-Ranickis +über deutsche Literatur von 1963 bis 2012, sondern auch ein Personenregister und ein Nachweis über die Erstveröffentlichungen und Wiederabdrucke der hier versammelten Essays.

    Eine beeindruckende editorische Leistung.

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