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  1. Bibliomarie
    ·
    28 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Ein echte Entdeckung, 9. März 2016
    Von 
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    Rezension bezieht sich auf: Ein untadeliger Mann: Roman (Gebundene Ausgabe)
    Sir Edward Feathers, ein untadeliger Mann vom Scheitel bis zur Sohle, hat ein langes Leben im Dienst der Krone verbracht, seinen Lebensabend möchte er zusammen mit seiner Frau Betty in Dorset verbringen. Aber was war das für ein Leben? Jane Gardam entwirft mit Feathers Leben – Filth – später Old Filth – auch ein Bild des sterbenden Britischen Empires, dessen Vertreter und gleichzeitig Opfer Edward war.
    „Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner Fingernägel war reinweiß. Die wenigen Haare unter den Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirkten stets wie frisch shamponiert, ebenso wie sein lockiges, immer noch rötlich braunes Haupthaar.“
    Das Buch ist nicht linear erzählt, in Rückblenden, Erinnerungen und Reminiszenzen erschließt sich ganz langsam das Leben Edwards, seine Gefühlskälte, seine Unfähigkeit zu lieben und seine versteckten Unsicherheiten. Edward ist eine sogenannte Raj-Waise, der Ausdruck für die englischen Kinder, die im Alter von 4-5 Jahren von den in den Kolonien lebenden Eltern, zur Erziehung nach England geschickt wurden. Manchmal gab es Verwandte, meist waren es Pflegeeltern, die gegen Geld die Kinder aufnahmen. Es gab gute und auch schlimme Erfahrungen für die Kinder. Edward hatte Pech, Ma Didds war eher ein Alptraum. Später soll Edward sagen:
    "Wir wollten keine Kinder, wenn man als Kind nicht geliebt wird, kann man später keine Kinder lieben."
    Dieses Gefühl zieht sich durch das ganze Buch: Verlassen werden – eine Erfahrung, die Edward sein ganzes Leben immer und immer wieder machen wird und diesem Gefühl wird er mit der einzigen Möglichkeit begegnen, die er hat. Er zeigt sich britisch mit der Stiff upper Lip. Niemand mehr an sich heran lassen, keine Gefühle zeigen – (noch nach Jahren weiß er nicht den Namen seiner Haushälterin) erst nach Bettys Tod, bricht dieser Panzer allmählich auf.
    Jane Gardam findet für Edward einen ganz besonderen Ton, er ist empathisch und mitfühlend, so dass sich das auch auf den Leser überträgt. Wir leiden mit ihm, wenn wir zwischen den Zeilen seine Einsamkeit sehen und immer wieder Zeuge werden, wie er allein gelassen wird, von seinem Vater, seinen Tanten, seinem einzigen Jugendfreund. Es ist ganz große Kunst, wie die Autorin mit nur wenigen Seiten den Leser in Bann ziehen kann. Dabei ist es eine Geschichte, die immer wieder mit pointiertem, typisch englischem Humor aufwarten kann. Jane Gardam findet einfach Sätze und Szenen zum Niederknien!
    Obwohl der Roman anspruchsvoll ist und gerade mit seinen Anspielungen, Reminiszenzen und der rückwärts gerichteten Erzählweise die Aufmerksamkeit des Lesers fordert, ist das Buch Unterhaltung in bestem Sinn. Kaum ist die letzte Seite umgeblättert, kann man sich mit der Aussicht auf den nächsten Band der „Old Filth Trilogie“ der im Mai erscheinen soll, trösten.

    Das Buch wurde von Isabel Bogdan aus dem Englischen übersetzt. Die Übersetzung wird der Autorin gerecht, dass die Übersetzerin den geschliffenen, typisch englischen Ton trifft, hat sie mit ihrem eigenen Roman „Der Pfau“ bewiesen.

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  2. cl.borries
    ·
    45 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Lebenslinien…, 10. September 2015
    Von 
    cl.borries – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Ein untadeliger Mann: Roman (Gebundene Ausgabe)
    In unnachahmlicher Weise werden wir zu Beginn dieses Romans sogleich hineingezogen in die Welt der englischen oberen Bürgerklasse des vergangenen Jahrhunderts.

    ‚Old Filth‘ wird der untadelige Mann von seinen Kollegen aus der höheren Anwaltschaft in Hong Kong genannt. Zusammengezogen ist dieser Name aus dem Akronym ‚Failed In London Try Hongkong‘, denn eigentlich heißt er Edward Feathers. Er lebt jetzt in Dorset in England, wohin er sich mit seiner Frau Betty nach seiner Pensionierung zurückgezogen hat.

    Er wurde ebenso wie seine Frau Betty in der englischen Kronkolonie Malaysia geboren und war dort in seiner Kindheit mit der asiatischen Sprache in Berührung gekommen. Später galt er in Honkong als herausragender Anwalt und Richter der englischen Krone.

    Mit 80 Jahren untadelig wie eh und je ist er inzwischen verwitwet. Sein Auftreten, sein Haus und die Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten des Alters, das Wetter und die Landschaft werden minutiös und akkurat beschrieben. So akkurat wie sein Äußeres.

    Nach dem Tod seiner Frau beginnt er, sich seiner Kindheit und seines eigenartigen Lebensweges zu erinnern. Dabei entwirren sich so manche Sonderheiten, denen er ausgesetzt war.

    Er war ein Raj Kind. So wurden die Kinder genannt, die aus China in frühester Jugend nach England in Pflegefamilien geschickt wurden, wo sie oft durch hartherzige Pflegeltern einen Schock fürs Leben bekamen.
    Auch seine Frau Betty war ein Raj Kind.

    Sein Vater war District Officer der Provinz Kotakinakulu. Ein kaltherziger und unzugänglicher Mann, der seinen Sohn zu einfachen Malaysiern in Pflege gab, als seine Frau unerwartet im Kindbettfieber verstarb. Mit fünf Jahren gab er ihn dann nach England in eine Familie, von wo er in ein Internat mit Grundschule wechselte.

    Hier setzen seine Erinnerungen ein, die sein ganzes Leben umfassen.

    Feinsinnig und echt beschreibt Jane Gardam die Beziehungen untereinander und die ganze Atmosphäre der Kolonialbeamten und der verschiedenen Persönlichkeiten, die um die Person des Edward Feathers eine Rolle spielten. Zeitversetzt werden diese oder jene Episoden und Erfahrungsberichte zusammengeknüpft, bis sich ein rundes Bild der Persönlichkeit von Edward Feathers ergibt.

    Der Zweite Weltkrieg ist lange präsent. Auf abenteuerlichen Wegen geht Filth seinen Weg, der wahrlich schicksalhaft erscheint.

    Jane Gardam rollt hier ein Leben auf, das an Brüchen und Kanten reich war und von den unterschiedlichsten Bedingungen gezeichnet war. Es gab wenige Freunde, vorübergehende Weggefährten, die frühe malaysische Kinderfrau und immer wieder Verluste. Sein Leben war ereignisreich und von irrwitzigen Vorkommnissen begleitet. Jane Gardam beschreibt es so, dass man voller Spannung auf die Zufälle wartet, die seinem Schicksal wieder einen unerwarteten Kick geben. Liebe, Treue und Freundschaft gibt es zwar. Doch immer bleiben sie mit einem Fragezeichen versehen.
    Skurrile und unvorhergesehene Begegnungen machen den Roman zu einem unvergessllichen Leseerlebnis.

    Aus wechselnden Perspektiven lässt uns Jane Gardam an dem Schicksal dieses ehrlichen und auch kauzigen Mannes teilnehmen, in dem sich das ganze Jahrhundert des englischen Empire spiegelt. Teilweise ironisch, teilweise witzig, immer aber mit dem besonderen englischen Humor oder auch bissigem Humor ausgestattet liest man diesen Roman der außergewöhnlichen Autorin mit größtem Vergnügen. Gut dass es uns jetzt zugänglich gemacht wurde, denn in Englisch erschien der Roman bereits 2004.

    Jane Gardam ist heute 86 Jahre alt. Sie wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

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  3. Fuchs Werner Dr
    ·
    68 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Mit Ulrich Noethen zusammen eine neue Autorin entdeckt, 12. September 2015
    Von 
    Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (#1 HALL OF FAME REZENSENT)
      
    (TOP 100 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Ein untadeliger Mann: 8 CDs (Audio CD)
    Für viele Leser englischer Bücher in Originalsprache ist Jane Gardam wohl keine Neuentdeckung. Denn die 1928 geborene Schriftstellerin hat außer Kinderbüchern und Kurzgeschichten auch schon zehn Romane veröffentlicht. Und „God on the Rocks“ wurde 1978 sogar für den „Booker Prize“ nominiert. Dass sie bisher nicht auf Deutsch übersetzt wurde, finde ich erstaunlich, nachdem mir Ulrich Noethen die Geschichte vom untadeligen Mann Edwards Feathers vorgelesen hatte. Und weil Noethen zu meinen Lieblingssprechern gehört, bin ich nun eine neue Autorin entdeckt. Denn die Empfehlung von Ian McEwan hätte mir nicht genügt, weil mich solche „Freundschaftsdienste“ schon öfters in die Irre führten.

    Die Hauptfigur ist ein ehemaliger Richter der Kronkolonie Hongkong, der nach seiner Pensionierung nach England zurückkehrt. Auf seinem Landgut wirkt der konservative Mann wie eine entwurzelte Eiche, die man bestaunen aber nicht richtig lieben kann. Alles korrekt, alles im Lot. In Bewegung kommt das Ganze nur, weil sich einer seiner wenigen Feinde ausgerechnet das Haus neben McFeathers als Alterswohnsitz aussucht. Denn nach dem ersten Aufeinandertreffen setzen die Rückblicke ein. Und die bringen Erlebnisse an den Tag, die den untadeligen Mann in einem völlig anderen Licht zeigen.

    Was machte Edward zum Stotterer? Wie verlief die wunderbare Ehe mit Betty wirklich? Welche Kindheitserlebnisse hinterließen bleibende Spuren? Und wogegen schützte sich der ehrenwerte Richter mit seinem untadeligen Verhalten? Worüber der glänzende Anwalt nie gesprochen hatte, wird in unaufgeregter Weise nun enthüllt. Und zwar so, dass man als Leser oder Hörer fast immer die freie Wahl hat, wie man das Erfahrene bewerten und einordnen soll.

    Einen Entwicklungsroman im üblichen Sinne darf man natürlich nicht erwarten, wenn der Protagonist gegen die Neunzig steuert. Aber das Faszinierende an Jane Gardams Konzept ist, dass es Möglichkeiten aufzeigt, wie die Geschichte hätte verlaufen können, wenn Edward nicht immer so korrekt gewesen wäre und mehr auf seine Gefühle gehört hätte.

    Mein Fazit: Im hohen Alter muss ein untadeliger Mann mit dem Tod seiner Frau zurechtkommen, was ihm mit seinen bisherigen Einstellungen und Verhaltensmustern aber nicht gelingt. Denn mit seiner perfekten Haltung täuschte er nicht nur die anderen, sondern oft auch sich selbst. Ulrich Noethen liest diese bewegende Geschichte genau so, wie sie die Autorin auch beschreibt. Unaufgeregt, mitfühlend, distanziert und trotzdem nah. Es würde mich freuen, wenn auch weitere Romane von Jane Gardam auf Deutsch übersetzt und von Ulrich Noethen gelesen werden.

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