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  1. Carl-heinrich Bock
    ·
    20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Ein von Melancholie gezeichnetes Glück, 20. Juli 2016
    Von 
    Carl-heinrich Bock (Bad Nenndorf) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (HALL OF FAME REZENSENT)
      
    (VINE®-PRODUKTTESTER)
      
    (TOP 1000 REZENSENT)
      
    (REAL NAME)
      

    Rezension bezieht sich auf: Ein Monat auf dem Land: Roman (Gebundene Ausgabe)
    J,. L. Carr (1912-1994) schrieb acht Romane. „Ein Monat auf dem Land“ , sein bekanntestes Werk war 1980 für den begehrten Booker Preis nominiert. In einer großartigen Übersetzung erscheint es jetzt erstmals in deutscher Sprache im DuMont Buchverlag. In dieser Novelle wird auf nur 144 Seiten mit viel Fingerspitzengefühl, in einer schlichten und klaren Sprache, eine sehr sensible Geschichte erzählt, die in der Hektik und Brisanz unserer Tage wie Balsam wirkt.

    In diesem ruhigen, von der Zeitgeschichte umwobenen Werk, wirft der Autor einen Blick auf die Welt nach dem Ersten Weltkrieg. Im Sommer 1920 kommt Tom Birkin, ein eher ruhiger Londoner Zeitgenosse, auf dem Bahnhof im nordenglischen Oxgodby an. Er ist Restorator, übt zwar einen brotlosen Beruf aus, hofft aber dabei zur Ruhe zu kommen und sich selbst finden zu können. Er hat die Schrecken und Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges miterlebt. Der Krieg hat ihn traumatisiert, seine Frau hat ihn verlassen. Er hat einen Sprachfehler und leidet unter chronischen Gesichtszuckungen. Was verbirgt sich hinter der Seele dieses reservierten, anfangs nur Ruhe und Einsamkeit suchenden, gebrochenen Mannes?

    Er richtete sich im Glockenturm der Kirche ein und beginnt mit der Freilegung von Fresken eines mittelalterlichen Wandgemäldes. Die Menschen im Dorf, darunter viele aus dem Weltkrieg zurückgekehrte Männer, sind neugierig nehmen ihn schließlich freundlich in ihrer Mitte auf. Nicht nur das ruhige Landleben, sondern auch die Natur, die malerische Landschaft und zarte Gefühle, einer nicht wirklich stattfindenden Liebesgeschichte, haben eine heilende Wirkung auf Tom, lassen die schlimmen Erlebnisse des Krieges und der Trennung aus den Gedanken verbannen und schaffen wieder Raum für Freude und Zufriedenheit. Vielleicht trägt dazu auch bei, was hinter der verkalkten Wand in Chorgestühl der Kirche von seiner Hand freigelegt wird.

    Ein schmales, vom Cover her sehr ansprechendes Buch, ein wunderbarer Roman bei dem das Kriegsthema und seine Schrecken mit viel Feingefühl nur am Rande eine Rolle spielt. Es ist kein leichtes Buch. Zuweilen tief traurig und voller Melancholie, dann doch wieder ermutigend zugleich, wird die Selbstfindung der kriegs- und liebesversehrten Seele eines Menschen fokussiert. Ein moderner Klassiker, mit einer mit viel Liebe und Ruhe geschriebenen einfühlsamen Geschichte, die nach der Lektüre lange im Herzen in Erinnerung bleiben wird .Ich bin begeistert, dass dieses Buch auf der Bestsellerliste steht. Meine emphatische Leseempfehlung.

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  2. Girdin
    ·
    12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Eine wunderbare, nostalgische Novelle, 28. Juli 2016
    Von 
    Girdin (Erkelenz) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (TOP 1000 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Ein Monat auf dem Land: Roman (Gebundene Ausgabe)
    „Ein Monat auf dem Land“ des schon vor Jahren verstorbenen Autors J.L.Carr erscheint zum ersten Mal in deutscher Sprache. Das Cover des Buchs wirkt schlicht, aber doch wertvoll in seiner Einfachheit, so wie das Leben auf dem Land. Ein Blatt in Form eines Vogels hebt sich haptisch und glänzend von einem cremeweißen, strukturierten Untergrund ab.

    An einem regnerischen Sommertag im Jahr 1920 kommt der Londoner Restaurator Tom Birkin am Bahnhof des kleinen Städtchens Oxgodby in Yorkshire an. Er hat den Auftrag angenommen, ein Wandgemälde aus dem Mittelalter in der Kirche freizulegen. Mit in seinem Gepäck hat er neben wenigen Dingen für das alltägliche Leben einen Haufen Erinnerungen an seine Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg. Sichtbar geblieben ist ihm aus dieser Zeit ein ständiges Zucken im Gesicht.

    Tom liebt seine Arbeit. Und hier, weit entfernt von der Hektik der Großstadt, findet er die Ruhe die er benötigt, um seine Gedanken zu ordnen. Neben den furchtbaren Kriegserfahrungen beschäftigt ihn vor allen Dingen, dass seine Frau ihn wegen eines anderen Mannes verlassen hat. Nicht jeder in der Dorfgemeinschaft freut sich über seine Anwesenheit. Doch die Schönheit der Landschaft und die Herzlichkeit der meisten Ortsansässigen geben ihm den nötigen Abstand zu seiner Vergangenheit und die Ruhe dazu, sein Leben neu auszurichten.

    Die Geschichte wird in der Ich-Erzählperspektive Tom Birkins geschildert. Auf diese Weise kann der Leser auch seinen Gedanken folgen. Tom ist ein guter Beobachter. Personen weiß er so zu beschreiben, dass man sie sich gut vorstellen kann. Beispielsweise ist da der geizig erscheinende Pfarrer Keach mit seiner bezaubernden, an seiner Arbeit interessierten Frau. Oder auch Charles Moon, ein Ausgräber vor Ort, der zu einem guten Kumpel von ihm wird. Die Familie des Stationsvorsteher und Laienpredigers Ellerbeck nimmt sich seiner in besonderer Weise an und er erhält dadurch die Möglichkeit am Dorfleben aktiv mitzuwirken.

    Tom Birkin erzählt in der Retrospektive. Sehr viele Jahre später erinnert er sich mit Wehmut an die damalige Zeit. Über seinen derzeitigen Status erfährt man nichts. Dennoch verbleibt beim Leser der Eindruck, dass er sein Glück sowohl im Beruf als auch in der Liebe gefunden hat. Der Monat oder eigentlich mehrere Wochen in der ländlichen Gegend von Oxgodby haben ihn verändert, er hat sich mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt. In der ihm zur Verfügung gestellten Glockenturmkammer lebt er sehr bescheiden und ist mit Wenigem zufrieden. Er versucht zu verstehen, warum seine Frau ihn verlassen hat und beginnt langsam sich für neue Erfahrungen zu öffnen. Besonders stolz macht ihn in dieser Zeit, dass seine Fähigkeiten als Restaurator Anerkennung finden. Seine Arbeit am Wandgemälde gibt der Autor realistisch und mit Kenntnissen wieder.

    J.L. Carr ist gebürtig aus Yorkshire und versteht es, die Liebe zu seiner Heimat in diesem Buch dem Leser zu vermitteln. Ein heiterer Grundton überlagert die schrecklichen Erinnerungen des Protagonisten. Der Autor erzählt mit sehr viel Einfühlungsvermögen. „Ein Monat auf dem Land“ ist eine berührende Geschichte, die in Erinnerung bleibt, daher meine Leseempfehlung.

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  3. Joerg Kilian
    ·
    1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Ein sommerheller Lichtblick in der dunklen Jahreszeit, 12. Dezember 2016
    Von 
    Joerg Kilian (Hamburg) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Ein Monat auf dem Land: Roman (Gebundene Ausgabe)
    Bücher kommen nie zufällig zu mir. Dieser Roman wurde mir kurz vor einem längeren Aufenthalt in China zugespielt. Zuerst zögerte ich das Buch mitzunehmen, weil ich gern immer Lektüre dabei habe, die eine – wie auch immer geartete – Beziehung zu dem Ort hat, an dem ich mich befinde. Im Skiurlaub lese ich beispielsweise gern über historische und oft tragische Polarexpeditionen.

    Was sollte also ein auf der britischen Insel spielender Landroman mit Ostasien zu tun haben? Um so überraschter war ich, den Protagonisten der Erzählung vor fast hundert Jahren in einer ähnlichen Situation zu finden wie ich heute: Auftragsarbeit fern der Heimat, einfache Unterbringung, keine Freunde und Bekannte, nur neue Menschen und Umstände. Ein kreativer Handwerker, der seine Arbeit liebt und kontempliert und sich im überreifen und ausklingenden Sommer sehr nach einer Frau sehnt und sich verliebt, während zu Hause eine unstete Ehefrau auf ihn wartet … oder auch nicht.

    Dem Autor gelingt es, mit einer sehr persönlichen Sprache die verzauberten Momente im Leben des dem Inferno des Ersten Weltkrieg entronnenen 20-jährigen Bildrestaurators zu schildern. Aus der Erzählerperspektive haben wir Teil an einer Zeit die ach – längst passé, aber immer noch in unseren Erinnerungen weiterlebt. "Von der Vergangenheit möbliert, luftdicht, reglos, gleich längst vertrockneter Tinte in einem vor langer Zeit niedergelegten Füllfederhalter."

    Eine großartige Übersetzung ins Deutsche. Allerdings hätte ich das Buch auch gern im englischen Original gelesen. Statt einer umfassenden Rezension möchte ich mich lieber auf ein paar Zitate beschränken, die typische Sprache und Stimmungen aus dem Buch wiedergeben…

    "Ihr Hals war bis zum Ansatz ihres Busens unbedeckt, und ich fühlte mich augenblicklich an ein Botticelli-Gemälde erinnert – nicht an die "Venus", sondern an die "Primavera". Teils lag es an ihrem wunderschönen ovalen Gesicht, teils an ihrer grazilen Art, daran, wie sie dastand. Ich hatte genügend Gemälde in meinem Leben gesehen, um wahre Schönheit zu erkennen, aber niemals hätte ich damit gerechnet, ihr an diesem abgelegenen Ort zu begegnen."

    "Aber zum Glück war das hier nicht Bagdad, und er konnte sie nicht dazu zwingen, ihr Gesicht in einem Schleier zu verhüllen, sodass andere Männer wenigstens noch bewundernde Blicke auf seinen rehäugige Angetraute werfen konnten."

    "Hier, nehmen Sie." Sie reichte mir eine Blüte … Diese Rose, Sara van Fleet … Ich habe sie noch immer. Zwischen zwei Buchseiten gepresst. … Eines Tages, auf einem Flohmarkt, wir ein Fremder sie finden und sich über sie wundern."

    " Der Mond war aufgegangen, eine leichte Brise ließ die Schatten der Bäume auf dem Gerstenfeld erzittern, das weiß wie ein See dalag."

    "Danach zogen die meisten Männer ihre Jacken aus und enthüllten ihre Hosenträger sowie die daran befestigten elastischen Schlaufen ihrer wollenen Unterhosen, und sie verblüfften ihre Kinder, weil sie herumalberten wie große Jungen. Die verliebten Pärchen sonderten sich ab, die Frauen saßen im Gras und plauderten ausgiebig. Und so verging mit Essen, Trinken, Dösen, Sich-Lieben der Tag, bis am Abend die Pferde von ihrer Weide geholt und wieder eingespannt wurden. Dann, als der erste Stern am Firmament erschien und Schwalben über dem Farngestrüpp kreuz und quer hin und her schossen, holperte unser Wagen wieder gemächlich von der Hochebene … ins Tal hinab …"

    "Die Vorgärten der Cottages quollen über vor Majoran und Rosen, Margeriten und Bartnelken, und nachts verströmten die Levkojen ihren betörenden Duft. Das in Grün getauchte Tal lag morgens reglos da, die flimmernde Mittagshitze dämpfte das Rattern der gen Norden und Süden fahrenden Züge, während sich kleine Schattenpfützen unter den Bäumen sammelten."

    "Bevor ich mich schlafen legte, trat ich nochmals ans Fenster. Und tatsächlich – der erste Herbsthauch lag in der Luft, ein Gefühl der Verschwendung, des Sehnens, Nehmens und des Bewahrenwollens, bevor es zu spät ist."

    Die Lektüre des Büchleins kann man wunderbar auf einer dreistündigen Bahn- oder Flugreise schaffen. Ich habe mir jedoch mehr Zeit gelassen, und es in mehreren Etappen um so genussvoller gelesen.

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