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  1. Buchdoktor
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    1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Das Gesicht wahren und nicht aus der Reihe tanzen – ein Reisebericht aus Süd-Korea, 29. Oktober 2016
    Von 
    Buchdoktor – Alle meine Rezensionen ansehen
    (HALL OF FAME REZENSENT)
      
    (TOP 500 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: An guten Tagen siehst du den Norden (DuMont Reiseabenteuer): Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden (Taschenbuch)
    Es ist sicher kein Zufall, dass Sören Kittel sich zu Süd-Korea hingezogen fühlt; denn den zugänglichen südlichen Landesteil und Deutschland verbindet die sehr spezielle Situation in einem früher oder noch immer getrennten Land. Kittel sah die Welt jenseits der deutschen Mauer zum ersten Mal mit 10 Jahren. In Deutschland wurde er u. a. bekannt mit einer Foto-Reportage über Kneipen in Süd-Korea mit ungewöhnlich „deutschen“ Namen.

    Kittels Kapitel über die Hauptstadt Seoul liest sich wie die Beziehung zu einer kapriziösen Geliebten. Ein Fluss und ein Hügel sind unbedingt nötig für eine Stadt, trägt ihm Herr Yang aus der Sicht des Geomanten vor. Kittels erste Begegnungen mit in Süd-Korea lebenden Ausländern bestätigen das eigenwillige Verhältnis zwischen dem Gastland und Einwanderern, die zwischen sich und ihre Heimatländer offensichtlich eine möglichst große Distanz legen wollten. Süd-Korea hat derzeit ein sehr cooles Image bei jungen Ausländern. „Es gibt viel Arbeit, freundliche Menschen, sehr gutes Essen und wohl eins der besten Transport-Systeme weltweit. Hier gilt das umgedrehte New-York-Prinzip: „If you can’t make it anywhere – you can make it in Seoul.” " (Seite 19)

    Kittels Reisereportagen entstanden auf Busreisen zu Orten, die ganz im Zeichen des „Han“ stehen, einer so nur in Süd-Korea möglichen Traurigkeit. Eine charakteristische Verbindung aus Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem und der lebenslangen Unfähigkeit loslassen und vergessen zu können, nimmt er bei seinen Gesprächspartnern wahr. Konfuzianisch geprägte Länder wie China zeichnen sich durch ihr hohes Harmoniebedürfnis aus, durch den gesellschaftlichen Zwang das Gesicht des Anderen zu wahren und nur nicht aus der Reihe zu tanzen. Aus dem Schweigen hat sich in Süd-Korea das Vertuschen von Katastrophen und Skandalen entwickelt, das für Betroffene leidvolle Folgen hat. Beispiele sind der Untergang der Sewol mit hunderten von Todesopfern 1980 und der Amoklauf eines Polizisten 1982 mit über 50 Opfern. Beide Katastrophen wurden aufgrund von Denkverboten aus der Zeit der Militärdiktatur nicht aufgearbeitet.

    Der Autor bereist ein Land, das ehemals japanisches Protektorat und lange von fremden Großmächten abhängig war. Der Korea-Krieg (1950 bis 1953) ließ das Land geteilt und auf dem Stand eines Entwicklungslandes zurück. Mit der langen Fremdbestimmung erklärt der Autor das Bedürfnis der Südkoreaner unter sich zu sein, einmal nicht mit Fremden Englisch sprechen zu müssen, nicht mehr vom Ausland abhängig zu sein. So verständlich diese Einstellung im Privaten sein mag, steht sie doch den Anforderungen des Arbeitsmarktes entgegen. „Der Frosch muss aus dem Brunnen, weil das, was er darin sieht, für ihn die Welt ist“, bringt ein Gesprächspartner das Problem des südkoreanischen Bildungssystems auf den Punkt. Ein bunter Strauß an Themen umfasst die Situation von jungen Leuten auf Partnersuche, die alter Menschen in einer überalterten Gesellschaft, deutsch-koreanische Ehen, aus Südkorea adoptierte Kinder, wie koreanische Bergarbeiter und Krankenschwestern als Arbeitsemigranten, die aus der Erinnerung in Deutschland fast wieder verschwunden waren.

    Kittels Reportagen sind erstaunlich emotional und zeugen von tiefem Verständnis für sein Gastland. Die Trauer um den Riss, der durch das Land und durch betroffene Familien geht, kann wohl nur jemand nachvollziehen, der das in ähnlicher Form erlebt hat. Eine klug zusammengestellte Reise aus dem Jahr 2013, die den Lesern Türen öffnet und mit Sicherheit dem Nutzen bringt, der in einem internationalen Team eng mit Süd-Koreanern zusammen arbeitet.

    °°° kostenloses Rezensionsexemplar °°°

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  2. Anonymous
    ·
    5.0 von 5 Sternen
    AN GUTEN TAGEN SIEHST DU DEN NORDEN – Tiefgründige Annäherung an ein Land zwischen Tradition und Moderne, 18. November 2016
    Von 
    j.h. (Berlin) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (VINE®-PRODUKTTESTER)
      
    (TOP 500 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: An guten Tagen siehst du den Norden (DuMont Reiseabenteuer): Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden (Taschenbuch)
    Im Mai 2013 kommt Sören Kittel (*1978) erstmals nach Südkorea. Grund für den Aufenthalt ist der Auftrag für eine Reportage über Orte mit BERLIN-Bezug wie beispielsweise den "Berlin-Platz" im Zentrum von Seoul mit einem echten Mauerstück. Und so drängen sich natürlich auch noch weitere Bezüge zu Deutschland wie es einmal war auf – denn seit nunmehr 60 Jahren ist Korea in den Nord- und den Südteil geteilt. Krasser könnten auch die Widersprüche in Politik und wirtschaftlicher Entwicklung nicht sein. Und dennoch scheint im südkoreanischen Alltag die Volksrepublik im Norden allgegenwärtig zu sein. Niemand denkt ernsthaft an eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit. Dennoch sind die Gedanken daran (und ob sich dann eine geeignetere Hauptstadt als Seoul finden wird) stets präsent. Und immer wieder begegnet Kittel das "Han" – eine wohl nur Koreanern völlig verständliche Form von sich nie auflösender universeller Traurigkeit.

    Für den Autor war der erste kurze Aufenthalt Grund genug, ab 2014 für 18 Monate nach Seoul zu ziehen und das Land durch ausgedehnte Reisen umfassend kennen und verstehen zu lernen: "Alles hier ist extremer als im Rest der Welt: die längsten Arbeitszeiten, die niedrigste Geburtenrate, hohe Altersarmut und höchste Bildungs- aber auch: Selbstmordrate. … Genau dieses neue Korea möchte ich erkunden. Ich möchte den Weg des Landes vom Status eines Entwicklungslandes in den 50-er Jahren zu dem modernen Powerhouse von heute erzählen. Ich will durch das Land reisen und Menschen treffen, die das erlebt haben, diesen unglaublichen Wandel." (S. 19) Die 26 Kapitel des Buches hat Sören Kittel fünf Teilen zugeordnet: Die Stadt, Der Westen, Der Süden, Der Osten und Der Abschied. Dank seines Studiums in Ethnologie und Südostasienwissenschaften gelingen ihm schlüssige Erklärungen komplexer, auch in der religiösen Tradition begründeter Einstellungen seiner Gesprächspartner. Einige Schwarz-Weiß-Fotos sorgen für zusätzliche Eindrücke von dem wirtschaftlich pulsierenden und dennoch schwer verständlichen Land, in dem die zehn größten Firmen zusammen 75 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erzeugen.

    Ein empfehlenswertes Buch, das dem aufmerksamen Leser interessantes Hintergrundwissen über ein weitgehend unbekanntes Land vermittelt.

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  3. Anonymous
    ·
    4.0 von 5 Sternen
    Große Literatur mit Abzügen in der technischen Note, 5. Dezember 2016
    Von 
    Gospieler – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: An guten Tagen siehst du den Norden (DuMont Reiseabenteuer): Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden (Taschenbuch)

    Im Unterschied zum Buchautor Sören Kittel, der erst 1978 in Dresden geboren wurde, hatte ich das Privileg, die Entwicklung Südkoreas seit dem Militärputsch von 1961 als Erwachsener hautnah mit zu erleben. Ich bin seit 1974 auch mehrfach in Südkorea gewesen und habe dort in eine koreanische Großfamilie hineingeheiratet. Daher freue ich mich, dass der Verlag mir ein kostenfreies Exemplar des Buches für eine Rezension zur Verfügung gestellt hat.

    Sören Kittel behandelt in seinem Südkorea Buch drei Themenkomplexe:
    1. Was ist das koreanische Lebensgefühl des „Han“?
    2. Wie passen Hightech-Gläubigkeit und schamanische Rituale zusammen?
    3. Wie gelang Südkorea seit 1960 der Aufstieg zum Industriegiganten?

    Die ersten beiden Themen behandelt Kittel mit Bravour, beim dritten Themenkomplex fehlt ihm oft spürbar die Lebenserfahrung. Vom Lektorat hätte ich mir eine sorgfältigere Bearbeitung des Textes gewünscht. Der Schreibstil von Sören Kittel ist flüssig und das Buch ist spannend geschrieben. Dafür hat er zu Recht einen Reisejournalistenpreis erhalten.

    Ich will hier nicht das Buch nacherzählen, sondern auf ein paar sachliche Mängel aufmerksam machen:

    Der Vergleich von Seoul mit New York ist grotesk, was Multikulti angeht. Seoul ist zwar doppelt so groß wie NY, aber vier mal so steril. Selbst in Seouls „Ausländerviertel“ Itaewon trifft man auf weniger Ausländer als – sagen wir mal in – Gelsenkirchen. Die Reinheit ihrer Rasse ist den Koreanern sehr wichtig. Ausländer dürfen nicht mal mit dem PKW einreisen, was nur deshalb nicht auffällt, weil die allermeisten mit dem Flugzeug kommen.

    Kittel meint, die Südkoreaner hingen weniger an der Atomkraft als die Japaner. Das Gegenteil ist richtig. Südkorea ist so klein wie die ehemalige DDR. Auf dieser Fläche betreibt das Land 30 Atomkraftwerke. Jedes Jahr muss ein neues dazu kommen, sonst gehen in Seoul die Lichter aus. Südkorea strebt an, der weltweit drittgrößte Exporteur von Atomkraftwerken zu werden. Mitten hinein in das UNESCO Weltkulturerbe Gyeongju baut es gerade sein Endlager für abgebrannte Kernbrennstäbe.

    Kittel benennt zu Recht südkoreanische Söldner im Vietnamkrieg sowie 20.000 Bergleute und Krankenschwestern, die als Vertragsarbeiter von der alten Bundesrepublik Deutschland angeworben wurden, als Finanziers des südkoreanischen Wirtschaftsaufschwungs. Was er verschweigt oder nicht weiß: Auch zehntausende südkoreanische Bauingenieure (viele davon in Aachen und München ausgebildet) und Bauarbeiter, die in den Wüsten Arabiens und Nordafrikas ganze Städte, Straßen und Flughäfen gebaut haben, hatten daran ihren Anteil. So wie die jungen Armutsprostituierten am Strand von Haeundae, die US-amerikanischen Hippies für monatlich 400 Euro „Sex all inclusive“ boten, also inklusive Kost und Logis in der elterlichen Hütte. Nur mit "Han" war das zu ertragen.

    Kittel beschreibt recht zutreffend die Situation der arbeitenden Menschen in den Städten und die extrem niedrige Geburtenrate. Für ländliche Regionen zeigt er kein Interesse. Dabei hätte ihm auffallen müssen, dass auf den Feldern fast nur noch 80-jährige arbeiten. In spätestens 15 Jahren werden die Südkoreaner feststellen, dass man Smartphones nicht essen kann. Kittel verschweigt auch andere dramatische Folgen des demographischen Wandels. Die Generation, die den Koreakrieg durchlitt, hatte noch 5-8 Kinder. Die Alten starben mit 60 Jahren und lebten bis zu ihrem Tod auf dem Hof des ältesten Sohnes. Heute gibt es diese ländliche Großfamilie nicht mehr, die Jungen in den Städten haben zu wenig Wohnraum und kein Geld um ihre alten Eltern, die heute 90 Jahre alt werden, durchzufüttern. Ein Sozialsystem wie in Deutschland existiert nicht. Eine Folge ist, dass im Großraum Seoul „Altenhotels“ aus dem Boden sprießen, wo die mittellosen Alten in Verschlägen von 4 qm Grundfläche hausen und sich tagsüber in der warmen U-Bahn herumtreiben, die für Senioren nichts kostet.

    Park Jung-Hee, der Vater des koreanischen Wirtschaftswunders, war nicht nur ein grausamer Militärdiktator und brillanter Wirtschaftsstratege, wie ihn Kittel richtig beschreibt, sondern auch der erste „Grüne“ in Südkorea. 1974 ordnete Park an, dass die Bauern die Wälder nicht betreten dürfen, die vom Koreakrieg entlaubt und wegen des Mangels an Brennmaterial von der Bevölkerung „entholzt“ worden waren. Heute ist das Land wieder mit dichten Kiefern- und Ahornwäldern bedeckt.

    Es ist nicht so, dass sich einzelne…

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