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  1. Kaffee und Buch
    ·
    86 von 94 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    4.0 von 5 Sternen
    Buchhalter, Mönche und Piraten, 4. September 2012
    Von 
    Kaffee und Buch – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet (Gebundene Ausgabe)
    Japan, 1799: Der junge niederländische Schreiber Jacob de Zoet kommt nach Dejima, einer künstlich angelegten und abgeschotteten Insel im Hafen von Nagasaki. Dejima ist der einzige Handelsposten Japans und Stützpunkt der Niederländischen Ostindien-Kompagnie. Als Jacob sich in die gebildete Orito verliebt, die auf Dejima Studentin der europäischen Medizin ist, brodelt das Unheil herauf.

    Meine Meinung:

    In “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet” beschwört David Mitchell eine längst vergangene und gleichzeitig einzigartig skurrile Welt herauf: Dejima, den streng überwachten Knotenpunkt zwischen Japan und der westlichen Welt, gab es tatsächlich. Aus Angst vor der Wiederkehr der Christianierung und Verwestlichung war es den Ausländern nur unter strengsten Auflagen erlaubt, das japanische Festland zu betreten. Und doch waren es die modernen europäischen Kenntnisse, insbesondere der Medizin, die die Wissenschaft in Japan revolutionieren sollte. Der Handelsposten war wie ein Mikrokosmos, ein kleines japanisches Europa und doch wieder nicht.

    Vor den Augen des Lesers entfaltet Mitchell eine reich ausgestaltete Welt voller illustrer Charaktere und ihrer Geschichten. Mit Spannung verfolgt man im ersten Teil des Romans die Erlebnisse des jungen und idealistischen Jacob, der in die Ränkeschmiede der Geschäftemacher hineingezogen wird und sich Betrügereien und Erpessungen ausgesetzt sieht. Der zweite Teil widmet sich Orito, die nach dem Tod ihres Vaters an ein ominöses Kloster verkauft wird, um ausstehende Schulden zu tilgen. Dieser Part war für mich der spannendste; die gesamte Handlung im Kloster hat mich mit ihrer Mystik und ihren dunklen Geheimnissen absolut mitgerissen. Im dritten Teil des Buches setzt die Handlung auf einer britischen Fregatte ein, die auf Nagasaki zusteuert. Allem Unterhaltungswert zum Trotz war es mir etwas unverständlich, weshalb Mitchell seinen Erzählbogen um Jacob und Orito so plötzlich bricht und die beiden für einige hundert Seiten komplett aus den Augen verliert. Hier fasert der gekonnt gesponnene Plot plötzlich aus und lässt den Leser bis kurz vor Schluss in der Luft hängen. Warum die über fünfhundert Seiten aufgebaute Geschichte um die beiden so plump für eine etwas aus den Angeln hängende Mast-und-Schotbruch-Episode fallenlassen? Zu spät kehrt Mitchell zu seinen beiden Hauptakteuren zurück, zu wenig erfährt man nach dem packenden Mittelteil über Orito. Schade.

    Ich mag Mitchells Potpurri aus eigenwilligen Charakteren, aber manchmal mutet er seinen Lesern doch ein wenig viel zu. Es ist eine Herausforderung, den Überblick bei diesem bombastischen Personenaufkommen zu behalten und es war mir nicht immer ganz verständlich, warum er gerade dem einen oder anderen so großen Handlungsraum ermöglicht.
    Die Unausgewogenheit und wenig stringente Erzählweise der Handlung sind mein größter Kritikpunkt an dem sonst durchaus gelungenen Werk. Anmerken will ich noch, dass ich mit Mitchells blumiger Sprache nicht immer warm wurde. Er neigt zu langen Dialogszenen, die für sich wirklich gut erzählt sind, würde er sich nicht ständig selbst unterbrechen mit völlig zusammenhangslosen Einschüben à la “Irgendwo bellt ein Hund” – “Ein rotes Blatt schwebt durch das offene Fenster herein” – “Sie beobachtet eine pulsierende Vene ihrem Hals” etc. Ein auffälliges Stilmittel, das leider nicht mein Fall war und mich selbst nach 600 Seiten noch aus dem Lesefluss gerissen hat.

    Fazit:

    Ein außergewöhnlicher Schmöker, gut recherchiert und bis zum zweiten Drittel großartig komponiert, ein kunstvoll geknüpfter Faden, der zum Ende hin immer mehr aufdröselt und sich dann heillos verfranst. Einladende Protagonisten, die aber an einer (Über-)Fülle von Nebenfiguren unterzugehen drohen. Es sind Jacob und Orito, die diese Geschichte tragen und den Leser mitfiebern lassen, wehalb ich es enttäuschend fand, dass Mitchell die beiden am Ende so kläglich vernachlässigt. Seine Schreibe ist definitiv herausragend, nur hin und wieder hätte ich mir weniger verkrampft eingestreute Poesie gewünscht.

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  2. Rainer Herzog
    ·
    5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    3.0 von 5 Sternen
    Etwas überfrachteter Historienthriller, 20. Mai 2014
    Von 
    Rainer Herzog (Hamburg) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet (Gebundene Ausgabe)
    Ehrlich gesagt, konnte ich die Euphorie und den Hype um dieses Buch nie ganz teilen. Selbstverständlich kann David Mitchell großartig schreiben und hat eine nicht endende Überfülle an Phantasie. Die exotische Kulisse dieses Buches – eine holländische Handelskolonie im Japan des ausgehenden 18 Jahrhunderts – ist sehr anschaulich und beeindruckend dargestellt, ebenso die Schicksale seiner Protagonisten Jacob und Orito.

    Leider neigt Mitchell m.E. manchmal etwas dazu, sich zu verzetteln: So wird der Leser im letzten Drittel mit einer weiteren Fülle an Personen und Namen konfrontiert (Seefahrer, Soldaten), während der Handlungsstrang des hochspannenden ersten Teiles etwas ins Leere läuft (Dabei war es schon anstrengend genug, sich die chinesischen Namen und Verwandtschaftsverhältnisse zu merken…). Schade, etwas zuviel des Guten, "Wolkenatlas" hat mir mehr gefallen.

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  3. Cormac
    ·
    21 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Ja, es ist wieder eine Wundertüte, 25. Januar 2013
    Von 
    Cormac (Lübeck) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet (Gebundene Ausgabe)
    Nach Number9dream, dem Wolkenatlas und Chaos war dies mein vierter Roman von David Mitchell und er war … nunja, anders. Vor allem im Vergleich mit dem Wolkenatlas nimmt sich Mitchell als Erzähler sehr zurück. In puncto Fantasie, Einbildungskraft, Ideenreichtum und detaillierter Darstellung fremder Kulturen entfaltet er aber auch hier wieder sein großes Können.
    Ja, es ist ein Schmöker wie er im Buche steht. Ein verführerisches Buch für verregnete Tage (aber auch sonst). Die Erzählung wirkt stimmig, wechselt gelegentlich den Grundton. So finden sich seitenlange Gespräche über Korruption, Probleme an Bord eines Handelsschiffes, dann wechselt die Perspektive und man findet sich in einer "Heist-Movie" ähnlichen Passage, in der die Planung, Durchführung und Konsequenz einer "Entführung" dargestellt werden. Eine Seeschlacht, das wurde hier häufig erwähnt, gibt es dann auch noch.

    Was vor allem verblüfft, ist die Stimmigkeit. Die bürokratischen Strukturen des alten Japans werden offengelegt, die Mechanismen von Ehre und Pflicht verständlich dargelegt, die im Hintergrund geschmiedeten Ränke "logisch" (in Anführungsstrichen, da das Betreiben des Abts mit Logik nicht zu vereinbaren ist) ausgeführt.

    Von Langeweile war, trotz des auf den ersten Blick trockenen Themas einer Handelskompanie, nie etwas zu spüren. Richtige Japankenner würden sicher besser entscheiden können, wie nah Mitchell an der dargestellten Zeit ist. Ich kann das nicht. Aber das, was mir hier präsentiert wurde, liest sich zumindest stimmig und nicht anachronistisch.

    Wie selbstverständlich wirft Mitchell mit Begriffen der japanischen Kultur um sich (das kennt man schon aus Number9dream) und es ist ein ständiger Anreiz, außerhalb des Buches mehr darüber zu erfahren. So etwa bei Seppuku, das man zwar im Buch in Ansätzen erklärt bekommt, das aber dann eine weitere Dimension gewinnt, wenn man sich über das überaus präzise Ritual mit allen uns sicher merkwürdig vorkommenden Regeln informiert.

    Um es kurz zusammenzufassen: Dieser Roman ist eine Wundertüte voller Einfälle, die das Weiterlesen jedes Mal aufs Neue belohnen. Mitchell erscheint in diesem Roman als "gesetzter" und erwachsener Erzähler, der souverän in eine fremde Kultur einführt und vom Ende einer Epoche und dem Beginn einer neuen eindrucksvoll erzählt.

    (Sollte es so erschienen sein, dass das hier ein leichter, belangloser historischer Roman ist, dann muss dem unbedingt widersprochen werden. Denn dass das komplexe Thema überhaupt leicht zu rezipieren ist, liegt hauptsächlich an der Kunstfertigkeit Mitchells.)

    (Kleiner Nachtrag: Der hier gelegentlich kritisierte Stil, Gedanken und Gespräche miteinander zu verschränken, wirkt vielleicht beim ersten Mal irritierend, sollte aber nun wirklich kein Grund sein, Unverständnis hervorzurufen. Es ist sicher von jedem Leser zu erwarten, zwei Dinge gleichzeitig verarbeiten zu können.)

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