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  1. Ornithologe
    ·
    4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    3.0 von 5 Sternen
    Heikler Thesenjournalismus, 28. September 2016
    Von 
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    Rezension bezieht sich auf: Die neuen Wilden: Wie es mit fremden Tieren und Pflanzen gelingt, die Natur zu retten (Gebundene Ausgabe)

    Vom Menschen eingeführte oder eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten – sogenannte Neozoen und Neophyten – breiten sich rasant auf der Welt aus, seit Homo sapiens durch seine Reisen und Warentransporte keine Grenzen mehr kennt. Viele der Arten bereiten der Natur (und dem Menschen) keine Schwierigkeiten, einige hingegen machen sich auf Kosten anderer breit: Ratten und Mäuse bringen auf Inseln seltene Vogelarten zum Aussterben, invasive Neophyten überwuchern Ökosysteme und lokale gefährdete Arten, Grauhörnchen bringen das Eichhörnchen in grosse Not, eingeschleppte Insekten, Krebse oder Amphibien verteilen Krankheiten und Seuchen auf ganzen Kontinenten etc. Für den englischen Wissenschaftsjournalist Fred Pearce ist das alles kein Problem. Sein Credo: Lasst die Natur einfach machen, ohne die Zeit zurückdrehen zu wollen. Ob die neuen Arten vom Menschen eingeschleppt wurden oder aus eigener Kraft an einen Ort gelangten, findet er nicht wichtig, denn eine „ständige Neuordnung und Anpassung an Zufälle“ sind für ihn „Teil der natürlichen Prozesse“.
    Pearce gibt zwar zu, dass sich nicht alle eingeführten Arten „wie ordentliche Bürger“ aufführen. Er spricht selber von rund 10 Prozent der Spezies, die Probleme bereiten. Aber das stört den Autor nicht weiter: „Trotzdem erhöhte sich mit jeder Invasion die Biodiversität, da mehr Arten hinzukamen als ausgestorben sind“. Diese empirisch nicht näher begründete Formel verführt Pearce schliesslich zur Forderung, die Ausbreitung der invasiven Neobiota, die sich auf Kosten anderer überall durchsetzen können, sei zu fördern. Nur so könne man die Natur noch retten.
    Später kritisiert er, dass sich die Naturschützer „nur für die Schwachen und Gefährdeten einsetzen“, nicht aber für die „Starken und Raffinierten“ (sprich für die Generalisten, die sich freilich nur dank des Menschen überall ausbreiten konnten). Dabei sei Darwins „Survival of the Fittest“ ja ein fundamentales Naturgesetz: „Die Schwachen haben nun ausgedient, die Welt gehört den Starken.“ Was für eine Aussage – die möchte man lieber nicht weiterspinnen. Dass bis anhin alle Arten in ihren spezifischen Nischen stark und überlebensfähig waren, bis der Mensch kam und die Arten neu verteilte, übersieht Pearce geflissentlich.
    Worauf er weiter ausführt, die „Homogenisierung“ der Welt, also die Ausbreitung einiger Generalisten auf Kosten vieler lokal ansässiger Spezialisten, sei kein Problem. Die Begründung: Es gebe schliesslich noch keinen Beweis dafür, dass die Gesamtzahl der Spezies auf der Welt wichtig sei für die Prozesse der Natur. Zudem habe bisher jedes grosse Artensterben nur einen wahren Ausbruch an evolutionärer Erneuerung ausgelöst. Eine morbide Logik, wie mir scheint: Macht alles kaputt, damit die Evolution spielen und die Natur sich wieder selbst erneuern kann.
    Aktionen, um die weitere Ausbreitung invasiver Neobiota zu verhindern, verurteilt der Autor. Wenn er auch die Naturschützer wenigstens nicht als Rassisten beschimpft, so spricht er trotzdem von„einer Art ethnischer Säuberung“, wenn es um solche Aktionen geht. Leider zeigt aber auch Pearce keine Alternativen auf. Soll man auf kleinen Inseln wirklich erfreut zuschauen, wie vom Menschen eingeschleppte Ratten oder Mäuse seltene Meeresvögel ausrotten?
    Insgesamt wird beim aufmerksamen Lesen bald klar, dass Fred Pearce astreinen Thesenjournalismus betreibt. Während Beispiele von unproblematischen Neobiota breit beschrieben werden und als Beweise für seine vorgefasste These dienen, werden Beispiele von invasiven, problematischen Arten weggelassen (Grauhörnchen, amerikanische Krebse, Springkraut, Goldrute etc.), oder sie bleiben seltsam unkommentiert. Empirische Beweise sind zudem äusserst dünn gesät in diesem Buch.
    Somit macht der Autor genau das selber, was er den Naturschützern vorwirft: Er pauschalisiert, statt zu differenzieren. Sowieso scheinen mir viele seiner Angriffe auf die modernen Ökologen ungerechtfertigt. Er schreibt, diese seien pauschal gegen alles Neue und Fremde. Weiter hätten sie neue Forschungserkenntnisse nicht mitbekommen. Ich glaube nicht, dass Pearce diese Aussagen belegen könnte, zumal es im Naturschutz viele unterschiedliche Strömungen und Meinungen gibt.
    Andere Beobachtungen hingegen sind interessant, so etwa die Erkenntnis, dass es auf der Erde fast keine Naturräume mehr gibt, die nicht vom Menschen schon stark beeinflusst wurden. Ab und zu verstrickt sich Pearce jedoch in Widersprüche. So schreibt er, es gebe in Ökosystemen kein Gleichgewicht. Dann aber…

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  2. Volkmar Weiss
    ·
    17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Ein schon lange fälliges Buch, gerichtet gegen Fremdekräuterhaß und Gehölzrassismus, 20. März 2016
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    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Die neuen Wilden: Wie es mit fremden Tieren und Pflanzen gelingt, die Natur zu retten (Gebundene Ausgabe)

    "Viele Naturschützer führen Krieg gegen fremde Arten. … Viele Beteiligte behaupten, dies geschehe zum Schutze irgendeiner nationalen Ressource. Kompromisse sind nicht vorgesehen, der Tierschutz wird ausgeklammert, man berücksichtigt nicht einmal die durch Ausmerzung der Fremden absehbaren Folgen für die Artenvielfalt. Um das befleckte Ökosystem zu säubern und den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, sind alle Mittel recht. Denn die Fremden sind schlecht und die Heimischen sind gut", liest man auf S. 149. Südafrika z. B. schickt sei zwei Jahrzehnten mehr als 25 000 Menschen pro Jahr aus, um ganze Landstriche aufzureißen und 68 Arten nichtheimischer, zumeist in der Kolonialzeit und während der Apartheid gepflanzter, Bäume zu roden. Mit zweifelhaftem Ergebnis.

    Schon lange habe ich kein Buch mehr in einem Zug gelesen. Dieses doch, denn ich fand es spannend wie einen Kriminalroman. Der Verfasser mit seinem weltweiten Horizont fordert die Naturschutzfanatiker heraus und regt mit vielen guten Gründen und Beispielen zum Nachdenken oder Umdenken an. Er steht dabei nicht allein, sondern stützt sich auf das Urteil von Biologen und Ökologen aus der gesamten Welt, deren Arbeiten und Meinungen in Deutschland bisher kaum oder gar nicht zur Kenntnis genommen worden sind.

    Von der Öffentlichkeit bisher weitgehend unbeachtet, findet gegenwärtig in Deutschland ein Kräftemessen zwischen der Bundesnaturschutzbehörde und den führenden Köpfen der Forstwirtschaft statt. Die Förster haben nach 130 Jahren Anbau der aus dem westlichen Nordamerika stammenden Douglasie herausgefunden, daß in vielen Gebieten Mitteleuropas kein Baum besser wächst und mehr Holz bringt als diese Art. Da die Douglasie aber ein Neophyt ist und nicht sein kann, was nicht sein darf, will man die Art mit Hilfe aller möglichen deutschen und europäischen Gesetze und Vorschriften verdammen und absägen, wenn es nur irgendwie durchsetzbar ist. Die Forstleute wehren sich in Offenen Briefen und mit wissenschaftlichen Gutachten.

    Wie ist es zu einer solchen Entwicklung gekommen? Im aufstrebenden deutschen Kaiserreich war man um 1890 gegenüber neuen Arten, die etwas erhoffen ließen, sehr aufgeschlossen. Bismarck setzte sich für Versuchsanbauten der Douglasie ein; die Hofgärtner in Potsdam verteilten den Samen des Roten Drüsigen Springkrauts an die Imker, nur um zwei Beispiele zu nennen. Es gab auch damals schon Vorurteile, aber nur wegen der Trägheit gegen neue Gedanken, die es immer und stets gibt. Auch ein Naturschutzpionier wie Konrad Guenther schrieb in seinem Buch ‚Der Naturschutz‘ 1910 auf S. 191: ‚Über ein verständiges Einbürgern wird sich der Naturfreund nur freuen können, denn je reicher unsere Natur, um so schöner und interessanter ist sie."

    Aber irgendwann im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts formierte sich eine Gegenströmung, die sich 1933 eindeutig als eine Kombination von Antisemitismus, Fremdekräuterhaß und Gehölzrassismus äußerte. ‚Das deutsche Volk muß gereinigt werden [von den Juden], nun auch die deutsche Landschaft‘, forderte unmißverständlich der oberste Naturschützer Walther Schoenichen. Die Douglasien und Roteichen sollten aus den deutschen Wäldern verschwinden; die Hitlerjugend sollte ausrücken, um die Springkräuter auszurotten. Führende Dendrologen, Forstwissenschaftler und Gartenfachleute sprachen mit guten Argumenten dagegen, und ihre Meinungen wurden gedruckt. Bis 1945 waren deshalb Abholzungen und Kräuterausrottungen keine wirklich durchgeführte praktische Politik. Die Durchführungsbestimmungen von 1943 des ‚Forstlichen Artgesetzes‘ aus dem Jahre 1934 bezogen sich ausdrücklich auch auf das Saatgut der Douglasie!

    Nach 1950 sah man in der Douglasie einen bewährten Forstbaum und erweiterte den Anbau. Die Imker und ihre Bienen erfreuten sich der Springkräuter. Um 1970 begann dann eine Gegenbewegung, diesmal als eine internationale, wie das Buch von Pearce sehr gut belegt. Im deutschen Sprachraum forderte eine extreme Naturgartenbewegung, nicht gebietsheimische Pflanzen nicht nur aus der freien Natur zu verbannen, sondern sogar aus Gärten und Parks. Der Botaniker Tüxen erdachte im Konzept der Potentiellen Natürlichen Vegetation eine Traumlandschaft, frei von Menschen und Pflanzen jeglicher fremden Herkunft. Dieses Konzept spielt im Naturschutz heute eine wichtige Rolle, und Douglasienwälder sind darin nicht vorgesehen.

    Eine Erklärung fehlt vor allem dazu, warum in einem Bundesland wie Baden-Württemberg, dessen grüne Landesregierung den Eindruck erweckt, sie könnte gar nicht genug Asylbewerber im Land haben, von derselben…

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  3. Hermann Bolz
    ·
    5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Der Autor hat die unbequemen Wahrheiten der Ökologie treffend dargestellt, 29. Mai 2016
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    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Die neuen Wilden: Wie es mit fremden Tieren und Pflanzen gelingt, die Natur zu retten (Gebundene Ausgabe)
    Das Buch überzeugt durch eine emotionsfreie Darstellung der Charakteristik der natürlichen Entwicklung von Fauna und Flora. Die besondere Rolle des Menschen dabei wird umfassend und gut nachvollziehbar dargestellt. Man hätte sich evt. noch einige Ausführungen zur kulturellen/memetischen Evolution des Menschen und deren Auswirkungen auf das Ökosystem gewünscht.

    Dem Autor ist bewusst, dass er mit diesem Buch gegen den Mainstream der Natürschützer antritt. Ihm sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen, denn seine Überlegungen zum Umgang mit der Natur scheinen sehr zukunftsfest..

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