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  1. Th. Leibfried
    ·
    3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    4.0 von 5 Sternen
    Hochinteressant und ein bisschen anämisch, 2. März 2015
    Von 
    Th. Leibfried (Deutschland) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (TOP 500 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb (Kindle Edition)
    Viele Mythen ranken sich um "Die Gruppe 47“, diesem legendären Zusammenschluss deutschsprachiger Autorinnen und Autoren. Helmut Böttiger, Literaturredakteur und –kritiker, erzählt die Geschichte dieser prägenden Nicht-Institution aufs Ausführlichste. Fakten, Briefauszüge, Versatzstücke, Kommentare und Kritiken finden Raum in diesem umfangreichen Werk.

    Für die Lektüre der ersten Hälfte habe ich fast ein Jahr gebraucht. Immer wieder nahm ich das Buch in die Hand und legte es wieder weg. Die zweite Hälfte las ich dann binnen zwei, drei Wochen. Es ist anstrengend, keine Frage, lohnt aber die Mühe. Wer sich, wie ich, für die deutsche Literatur der Nachkriegszeit interessiert, erfährt viel Wissenswertes über Schriftsteller, Koalitionen, Auseinandersetzungen. Hans Werner Richter rief diese Gruppe ins Leben, 1947, wie man sich denken kann. Richter selbst ist heute keiner breiten Leserschaft mehr ein Begriff, wohl aber sind das die zentralen Figuren dieser Treffen, die über einen Zeitraum von genau zwanzig Jahren regelmäßig und unter vollkommen verschiedenen Umständen stattfanden. Anfangs abseits jeglicher Öffentlichkeit und im Laufe der Jahre selbst zum Politikum werdend. Treffen in den USA zu Zeiten des Vietnam-Krieges oder in Schweden spalteten auch die Teilnehmer unter sich. Geradezu bezeichnend ist dann auch der Umstand, dass das Ende der linksorientierten Gruppe 47 ausgelöst wurde durch ein geplatztes Treffen in der Tschechoslowakei wegen des Einmarsches sowjetischer Truppen. Eine genaue Liste der Mitglieder gibt es nicht und kann es nicht geben, festgehalten werden kann nur, wer zu den Treffen eingeladen wurde, beziehungsweise an ihnen teilnahm.

    Und so begegnet man auf der Seite der Schriftsteller Namen wie Martin Walser, Günter Grass, Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger, Peter Weiss, Erich Fried, Heinrich Böll, Alfred Andersch, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Und auf der Seite der immer anwesenden Kritikerschaft Hans Mayer, Walter Jens, Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki.

    Es handelt sich um ein Sachbuch und auch wenn Böttiger an der einen oder anderen Stelle die Handelnden selbst mit viel Verve und Erregung zu Wort kommen lässt, empfand ich den gesamten Text als ein wenig blutleer, eher verfasst im Stile einer Dissertation. Hochinteressant, keine Frage, erhellend wenn es um das Selbstverständnis der Autoren, ihre Beziehungen untereinander, den Status der Schreibenden in der Gesellschaft und nicht zuletzt um das Verhältnis zwischen Literatur und Politik geht. Nahe an der Pflichtlektüre für Literaturbegeisterte.

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  2. wolfgang neubacher
    ·
    3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Als die moderne deutsche Literatur salonfähig wurde…, 26. März 2014
    Von 
    wolfgang neubacher (A Р5203 K̦stendorf) РAlle meine Rezensionen ansehen
    (TOP 1000 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb (Gebundene Ausgabe)
    Auch wenn die Grupp 47 längst Geschichte ist (und viele ihrer Exponenten schon tot sind oder nicht mehr schreiben) – das Buch von Helmut Böttiger ist mehr als nur ein Buch über diese Gruppe.. Böttiger beschreibt nämlich die geistige (nicht nur literarische) Situation in Deutschland vom Kriegsende bis gegen Ende der 60er Jahre.
    Der Beginn dieser Ära war für die moderne Literatur alles andere als erfolgsversprechend, wie folgendes Zitat beweist: "Die Kontinuität des NS-Ideologie war in der herrschenden politischen Klasse ebenso anzutreffen wie bei den hegemonialen literarischen Institutionen und Medien, und dies beleuchtet die Schwierigkeiten der weiteren Entwicklung, gerade auch von Gruppenbewegungen wie der Gruppe 47. Erst langsam mehrten sich die Hinweise darauf, dass Mitte und Ende der fünfziger Jahre ein offeneres Klima herrschen könnte…"
    Das zeigt sich auch darin, dass die "Lufthoheit" in der deutschen Nachkriegsliteratur anfänglich vor allem jene Schriftsteller innehatten, die während der NS-Zeit in der "inneren Emigration" waren (was immer auch das bedeuten mag) und dem NS-Regime nicht direkt unangenehm waren – wie etwa R. A. Schröder und Frank Thiess (diese beiden trafen noch immer den Massengeschmack nach 1945). Die echten "Emigranten" galten bei vielen als Feiglinge, ihre Rückkehr war in oben erwähnten Kreisen unerwünscht (erinnert sei nur an das unsägliche Feuilleton von Gerhard Nebel in den FAZ zum 75. Geburtstag von Thomas Mann im Jahre 1950 – wahrscheinlich mit ein Grund, dass Thomas Mann bis zu seinem Tod nur mehr als Besucher nach Deutschland kam).
    In diese Zeit fällt das 1. Treffen der Gruppe 47 im September 1947. "Spiritus rector " war (und blieb es bis 1967) Hans-Werner Richter, dessen literarische Bedeutung weit hinter seiner Bedeutung als Mentor der Gruppe 47 zurückblieb.
    Ein Prinzip wurde bis zum Ende der Gruppe durchgehalten: H.-W. Richter lud ein; der Eingeladene las eigene Texte vor, wurde dann von den Anwesenden kritisiert (und oft abgekanzelt), durfte aber nicht replizieren ( = sich wehren). Dass damit so manche angehende Karriere als Schriftsteller zerstört wurde, kann man nur vermuten..
    20 Jahre lang wurde dieses Prinzip durchgehalten, auch wenn später immer mehr die Berufskritiker den Ton angaben, ja sich profilierten (u.a. Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Walter Jens…)
    Wer durfte nun vor der Gruppe lesen? Eingeladen wurden nicht unbedingt junge, dafür bis dahin fast völlig unbekannte Autoren (Heinrich Böll, Günter Grass, Siegfried Lenz, Günter Eich, Wolfgang Hildesheimer, Martin Walser, Walter Höllerer, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Wolfdietrich Schnurre – um nur einige zu nennen) – manchen von ihnen waren allerdings öfter dabei. Es dauerte lange, bis die Gruppe 47 so halbwegs akzeptiert wurde; man machte es dem breiten Lesepublikum allerdings auch nicht gerade leicht, wie eine Aussage von Günter Eich beweist: "Der Schriftsteller, der nicht zerstreuen, sondern wirken will, muß den Mut aufbringen, auch gegen den Leser zu schreiben…"
    Trotzdem: Die Geschichte der Gruppe 47 ist eine Erfolgsgeschichte. Viele Autoren (und Kritiker), die bei der Tagung aufgetreten waren, machten ihren Weg ( = konnten vom Schreiben leben); 2 erhielten sogar den Literaturnobelpreis.
    Die – nicht offizielle – Auflösung der Gruppe 1967 fand wahrscheinlich genau zum richtigen Zeitpunkt statt; sie war nicht mehr die Avantgarde der deutschen Literatur.
    Helmut Böttiger hat ein sehr kenntnisreiches, beeindruckendes, mit vielen Zitaten gespicktes Buch geschrieben, dessen Lektüre stellenweise sogar spannend ist.
    Chapeau!
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  3. Thomas Gebauer
    ·
    6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    "Ja, wir kommen also zur Kritik.", 5. April 2013
    Von 
    Thomas Gebauer (Kirchberg) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (REAL NAME)
      

    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb (Gebundene Ausgabe)

    Mit diesen Worten beschloss Hans Werner Richter unzählige Autorenlesungen. „Erfolgsgeheimnis? Ich entscheide allein.“ erklärte ebenjener Richter, Gründer und Kopf der Gruppe 47. Kein Zweifel, hier spricht ein aufgeklärter Monarch. Es liegt eine Ironie darin, dass ausgerechnet in einer so organisierten Gruppe Diskursformen für die junge deutsche Demokratie erprobt wurden. Aber wie schreibt einer der großen Protagonisten der Gruppe 47, Hans Magnus Enzensberger, in seiner „Hommage á Gödel“: „Widerspruchsfreiheit/ist eine Mangelerscheinung/oder ein Widerspruch.“

    Literaten
    Überhaupt, Enzensberger: In ihm macht Hartmut Böttiger in seinem schlicht „Die Gruppe 47“ betitelten Buch den definitiven Vertreter ebenjener Gruppe aus. Bedankt man den Werdegang von Günther Grass (der im Rahmen des Döblin – Preises bis heute versucht die Praxis von Lesung und Autorenkritik aufrechtzuerhalten) ist das ein verblüffender Befund. Nicht Grass also, sondern Enzensberger widmet Böttiger ein ganzes Kapitel. Das ist konsequent – sieht er doch die großen Epigonen der Gruppe 47 als „Meinungskönige“, die bei den Tagungen „eine Art Praktikum für rhetorische Mittel, für moderne Kommunikationstechniken, für die Praxis der Vernetzung“ absolvierten. Und so gesehen war Enzensberger gewiss der eifrigste Lehrling. Böttiger sieht dessen große Leistung darin „Literatur und Journalismus bis zur Deckungsgleichheit“ gebracht zu haben. In der Tat ist Enzensberger ein Medien – Genie: Für den süddeutschen Rundfunk sendet er einen Radio – Essay über „Die Sprache des „Spiegel““. Das Magazin vermag nach Enzensbergers Auffassung „Kritik nicht zu leisten (…), sondern nur deren Surrogat“. Und was macht der so kritisierte „Spiegel“? Druckt Enzensberger’s Essay nach und macht ihn bald zum „Hausautor“ mit monatlicher Kolumne (in der er wiederum Hans Werner Richter und dessen „Almanach der Gruppe 47“ verreißt). Von Suhrkamp – Verleger Unseld erhält er 1.000 DM für seinen monatlichen Beraterbrief. Und wo keine Öffentlichkeit ist, da schafft er sich eine: Sei es in den Magazinen Kursbuch oder Transatlantik, sei als Herausgeber der „Anderen Bibliothek“. Man muss Böttiger’s Enzensberger – Analyse nicht vollkommen folgen (zeigt er ihn doch als etwas opportunistischen Zeitgeistintellektuellen mit nicht allzu bedeutender Lyrik), um die These zu verstehen: Die Gruppe 47 erschafft eine literarische Öffentlichkeit, wo noch keine ist, und gibt ihren Mitgliedern die Möglichkeit sich in ihr zu bewegen.
    Grass und Enzensberger sind besonders prominente Profiteure dieser Organisation, doch wahrlich nicht die einzigen. So vergab die Gruppe ab 1950 (unregelmäßig) einen Preis. Den Reigen der Träger eröffnete Günther Eich (dem Böttiger als frühem Repräsentanten der Gruppe ein längeres Porträt widmet). Ihm folgen unter anderem Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Günther Grass, Heinrich Böll oder Jürgen Becker. Andere, wie Enzensberger, werden zu Protagonisten der Gruppe ohne ihren Preis erhalten zu haben. Und hat ein deutschsprachiger Nachkriegsschriftsteller abseits der Gruppe 47 Erfolg steht er doch wiederum auf irgendeine Weise in Verbindung zu ihr: Thomas Bernhard erhält von seinem Verleger Unseld (nach der Tagung in Princeton) den Vorschlag vor der Gruppe zu lesen – Peter Handke habe sich dort doch sehr gut geschlagen. Wolfgang Koeppen hat sich laut Richter „mental immer der Gruppe 47 zugerechnet“. Und Arno Schmidt wiederum zelebriert seine Abwesenheit regelrecht: „Muß man bei der Gruppe auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?“

    Schreiben
    Schmidt nimmt hier ironisch Stellung zur Schlachtordnung in der Gruppe 47: Neben Hans Werner Richter steht der „elektrische Stuhl“ von dem aus die Autoren etwa 30 Minuten vorlesen. Vor ihnen sitzt ein Auditorium, das sich von Tagung zu Tagung auf schließlich bis zu 150 Personen ausdehnt. Wer diese Personen sind, entscheidet Richter – wie erwähnt – allein. Meist ist es eine Empfehlung, die ihn veranlasst eine seiner berühmten Einladungskarten zu verschicken. Zugleich betont er, dass nicht alle Anwesenden „Mitglieder“ der Gruppe 47 sind – und wer „Mitglied“ ist, weiß nur einer: Hans Werner Richter.
    Zurück zur Lesung: Auf die Autorenlesung folgt die Kritik. „Kritik“ ist vielleicht die Schlüsselvokabel der Gruppe 47 – als Kriegsgefangener wird Richter in den Vereinigten Staaten geschult und ist, ähnlich wie Alfred…

    Weitere Informationen

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