Kommentare

3 Kommentare

  1. hartmutw
    ·
    9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    3.0 von 5 Sternen
    Bemerkenswerter, noch unausgereifter Erstling, 23. April 2007
    Von 
    hartmutw (München) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Die 27ste Stadt (Taschenbuch)
    In seinem 1988 erschienenen Debut beschreibt Franzen vor dem Hintergrund typischer Motive der 80er Jahre wie Verschwörung, Überwachung und Verfall der Städte eine fiktive Verschwörung indischer Immigranten und deren Auswirkungen auf das Leben der führenden Familien in St. Louis.

    Andere Leitmotive wie Terror und die Angst vor Überfremdung oder Doppelmoral gewinnen durch die Ereignisse im neuen Jahrtausend eine Aktualität, die sie vermutlich nicht einmal zu Zeiten der Entstehung dieses Romans hatten, was einen Großteil des durchaus vorhandenen Reizes ausmacht. Dennoch würde ich das Werk nicht dem Genre Gesellschaftsroman zuordnen, da die Schilderung von Milieus und Existenzen doch oberflächlich bleibt und kein ganzheitliches Zeitbild zeichnet.

    Auffallend finde ich bereits hier Franzens Fähigkeit, große Zusammenhänge zu komponieren und einen farbigen, fast übervollen Rahmen für seine Geschichte zu erschaffen. Virtuos wechselt er zwischen Zeiten und Erzählperspektiven, auch wenn manche Wechsel arg ruckartig vonstatten gehen.

    Leider weist Franzens Roman aber auch einige überraschend deutlichen Schwächen auf. So werden viele der Charaktere zwar ausführlich beschrieben, wirken aber seltsam blutleer und leblos, wie z.B. Jammu, die Polizeichefin, die ja eine zentrale Rolle spielt. Gerade auch die Motive, die die umtriebige Jammu und ihre indischen Freunde zu den intriganten Umtrieben veranlassen, bleiben letztendlich unklar, wenn man von sekundären Gründen (wie Gewinnen aus Immobilienhandel) absieht, die ja kaum der Grund für eine derart umfassende Verschwörung ausgerechnet in St. Louis sein können. Darunter leidet der gesamte Roman, dessen Fortgang oft nicht plausibel oder gar zwingend wirkt. Spießer brechen aus, Junkies handeln durchdacht wie Schachspieler, Mörder zeigen Sanftmut und Verschwörer zögern; von diesen – einzeln unbedingt erzählenswerten – Widersprüchen gibt es leider zu viele, da das Innenleben der Hauptpersonen trotz aller Erläuterungen kaum nachvollziehbar bleibt.

    Trotz meiner kritischen Anmerkungen muss ich aber zugeben, dass ich die 672 Seiten in wenigen Tagen verschlungen hatte, da das Sammelsurium an Personen einfach zu schillernd und farbig ist, um den Leser kalt zu lassen. Obwohl noch keineswegs auf dem Niveau von ,Korrekturen`, ist der Roman meiner Meinung nach unbedingt lesenswert – auf ,Schweres Beben` bin ich bereits gespannt.

    Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 

    War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
    Nein

    Missbrauch melden
    | Kommentar als Link

    Kommentar Kommentar

  2. Robert P.
    ·
    18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    3.0 von 5 Sternen
    Erstling noch nicht besonders kraftvoll, 23. September 2003
    Von 
    Robert P. – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Die 27ste Stadt (Gebundene Ausgabe)
    Der mit seinen "Korrekturen" bei uns bekannt gewordene Franzen ist hierzulande nun auch mit seinem Erstling "Die 27ste Stadt" zu lesen. Schade, dass man ihm das auch anmerkt. Die nicht so ganz fiktive Stadt St. Louis ist einziger Erzählort. Eine Inder-Mafia, angeführt von der Polizeichefin Jammu, nimmt sich vor, die bestehende Ordnung zu stören, um aussergewöhnliche Gewinne aus Grundstücksgeschäften realisieren zu können. Das Spannende daran ist, dass die Unterwanderung der biederen, bürgerlichen Oberschicht nicht durch Attentate und Entführungen gelingen soll, sondern durch das Gift des Stachels "Krise". Auf fast hundert Seiten der insgesamt über sechshundert entwickelt sich schon so etwas wie Krise bei den örtlichen Unternehmern und deren Familien, die die Geschicke der Stadt bislang bestimmten. Nur einer widersteht allen untugendhaften Angriffen, der Bauunternehmer Martin Probst ist der gute Mensch von St. Louis – und bleibt es bis zum Schluss.
    Das ist also die Umkehrung aller Werte: die Polizeichefin ist die Femme fatal, der Bauunternehmer der saubere, familienpflegende Gute. Am Ende geht doch alles schief. Es gibt viele Tode und die Moral siegt nicht. Wäre es anders, wäre der Roman noch mehr Märchen.
    Teilweise verliert man den Überblick über die vielen auftretenden Figuren, man muss also schon zügig durchlesen. So lebendig beschrieben wie die Protagonisten bei den Korrekturen sind die Handelnden in der 27sten Stadt nicht. Das Subtile des Heraufbeschwörens einer Krise als Waffe, im Gegensatz zu Bomben und Gewehren, macht anfangs sehr neugierig und man sucht Parallelen in der hiesigen Stadt oder Landespolitik. Leider entscheiden sich die Figuren im Roman dann immer mehr für die traditionellen Vorgehensweisen: Bomben, Entführung, Mord.
    Franzen hat sich längst weiterentwickelt, sein letzter Roman ist halt besser, als sein erster. Das soll nicht wundern. Also freuen wir uns auf seinen nächsten, seinen wirklich nächsten allerdings. Der Verlag wird, um die Wartezeit zu verkürzen wohl inzwischen seinen Zweitling "Strong Motion" herausbringen. Aber auch der müsste schon besser sein als die 27ste Stadt.
    Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 

    War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
    Nein

    Missbrauch melden
    | Kommentar als Link

    Kommentar Kommentar

  3. GM
    ·
    8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    3.0 von 5 Sternen
    Eine erstaunliche Entwicklung…, 14. November 2006
    Von 
    GM (Weimar) – Alle meine Rezensionen ansehen

    Rezension bezieht sich auf: Die 27ste Stadt (Gebundene Ausgabe)
    … die Jonathan Franzen da vollführt hat. Dabei ist gemeint, welchen Wechsel der Stile es von diesem ersten Buch bis zu "Die Korrekturen" gegeben hat.

    Die Meinungen über "Die 27ste Stadt" gehen hier auf amazon.de weit auseinander – man muss aber klar feststellen, dass das Buch immerhin das Erstlingswerk des Autors ist, 1988 geschrieben wurde und 1984 handelt. So ist verständlich, dass andere Themen auf der Tagesordnung standen: die Lethargie der 80er, verwahrlosende Städte in weiten Teilen der USA, die allseits gefürchtete Atombombe, die aufkommende Globalisierung, etc.

    Erst in seinem dritten Buch (Die Korrekturen) hat Franzen, der selbst in St. Louis aufgewachsen ist, dann den Faden wiederaufgenommen, und ein großartiges Portrait der USA und dem Verfall der Gesellschaft geschrieben. In "Die 27ste Stadt" übte er nur…

    Oft habe ich mich beim Lesen, vor allen Dingen am Anfang, dabei ertappt, wie ich kurz auf den Einband geschielt habe, um zu prüfen, ob ich wirklich ein Buch von Franzen in der Hand habe. Das rührt wohl daher, weil ich, wie wahrscheinlich viele andere, zuerst "Die Korrekturen" gelesen habe. Jetzt erst dieses Buch zu lesen, ist wohl die falsche Reihenfolge. Rohwolt hat sich augenscheinlich nach dem Erfolg des letzten Buches entschieden, auch die Erstlingswerke zu veröffentlichen.

    Die Handlung ist dann nämlich doch teils arg abstrus und an den Haaren herbeigezogen: Eine Inderin wird neue Polizeichefin in St. Louis und zieht in ihrem Sog eine ganze Heerschaar von weiteren Indern in die Stadt, die dieser nicht nur Gutes wollen. Das sie dabei selbst (fast) alle Fäden dunkler Machenschaften in der Hand hat, merkt der Leser erst nach und nach. Geleitet von kommunistischen, sozialistischen und bloßen machtgierigen Motiven, versucht ein ganzes Netzwerk von Gefolgsleuten der neuen Chefin im Amt, die Stadt nach deren Vorstellungen zu verändern. Dies geschieht mit einer Art ‚Sozialterror‘, die wichtige Leute in St. Louis zu bestimmten Aktionen veranlassen soll. Das ist nicht sofort und einfach zu verstehen – Franzen ist ein Meister des politischen und zwischenmenschlichen Geklüngels und beschreibt daher jedes Detail.

    Affären, Mord und Lügen gehören ebenso dazu wie einige logische Fehler im Buch, die mich verwirrt haben. Es sind dies zum Beispiel zwei Textstellen, die begonnen werden, jeden Bezug vermissen lassen und auch im Verlauf der Handlung nicht aufgeklärt werden. Dazu gesellen sich noch ein paar Übersetzungsfehler und kuriose Details, die einem Deutschen normalerweise nicht auffallen: das eine Baseball- gegen eine Footballmannschaft spielt, ist doch eher selten.

    Trotzdem ist dieses Buch extrem flüssig zu lesen, die 670 Seiten sind nicht als solche wahrnehmbar. Es lässt sich ohne weiteres des immense Können Franzens herauslesen, weil er wie kein anderer z.B. Gesichtsausdrücke, Gefühlsregungen und Bewegungen beschreiben kann. Darüberhinaus ist eine große Sachkenntnis und politische Recherchearbeit vonnöten, um so einen Roman zu schreiben. Das dies hier einigermaßen in eine verwirrende Handlung verpackt wird, ist dann nach dem Beenden des Buches eher nebensächlich. Es ist nach wie vor ein gutes Buch.

    Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 

    War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
    Nein

    Missbrauch melden
    | Kommentar als Link

    Kommentar Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

doFollow