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  1. M. Lehmann-Pape
    ·
    22 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    3.0 von 5 Sternen
    Mode als „Zeichensystem“ im historischen Wandel, 19. November 2013
    Von 
    M. Lehmann-Pape – Alle meine Rezensionen ansehen
    (REAL NAME)
      

    Rezension bezieht sich auf: Angezogen: Das Geheimnis der Mode (Gebundene Ausgabe)
    Wie wir uns kleiden und vor allem, warum wir uns zu Zeiten genauso kleiden, wie wir es tun, dass ist das Thema dieses Buches von Barbara Vinken.

    Dass die Mode nicht wahllos ist, nicht „aus dem Blauen“ heraus als wankelmütige „Tyrannei der Mode“ quasi vom Himmel fällt, sondern durchaus erkennbaren Regeln und „Grundabsichten“ folgt, all das legt Vinken detailliert vor.

    Wobei sie von Beginn an der sichtbaren Unterscheidung zwischen Männer- und Damenmode folgt. Zwar zeigen Männer zunehmend im letzten Jahrzehnt auch „Bein“ (durch möglichst schmal geschnittene Hosen), in der Regel aber ist die „männliche Silhouette“ seit fast 200 Jahren „zeitlos“. Während sich das äußere Erscheinungsbild der Frauen in periodischer Veränderung zeigt. Vinken benennt dies als „historisches Recycling“, denn diese Mode für Frauen bedient sich beständig historischer Zitate, „entrümpelt“ somit in stetem Wechsel den „Dachboden abgelegter Moden“. Und das nicht ohne Grund.

    Denn das, was da wahllos erscheint als Recycling ist mitnichten zufällig. Mode kann man „denken“, wie Vinken behauptet, wenn man die Gesetzmäßigkeiten erkennt. Die modische Entwicklung ist dabei nicht völlig vorhersehbar, vollzieht sich aber im Rahmen feststehender Muster. Modewandel hat allgemein „System“.

    Um diesem System auf die Spur zu kommen, greift Vinken in allerdings oft stark assoziativer Weise auf die Entwicklungsgeschichte der Mode zurück und führt den Leser in die Kleidung des Empire und der Entwicklung nach der französischen Revolution hin.

    Sehr interessant zu lesen ist der historische „Knackpunkt“ der Differenzierung in Männer- und Frauenmode, der „Erotisierung des Weiblichen“ durch die Kleidung, den Vinken einerseits an Marie-Antoinette (auf letzten Pomp folgten einfachere, „bürgerliche“ Stoffe und Schnitte, welche die Silhouette des Weiblichen in den Mittelpunkt setzen und nicht mehr die Repräsentation der „Oberen“ durch „funkelnde Kleidung“. Nicht mehr der „Stand“, sondern die „Weiblichkeit“ wird durch die Kleidung repräsentiert und unterstrichen) festmacht und andererseits am „Erfinder des Anzugs“, Philippe Egalite („dressing down“, Unterbindung von Kleidung als Mittelpunkt der Betrachtung und Konzentration allein auf das Gesicht) spiegelt.

    „Gesichtsmode“ bei Männern und „Körpermode“ bei Frauen sind somit die grundlegenden Strukturelemente der Mode, die Vinken aus der Historie für die Gegenwart immer noch geltend ableitet und die sich in immer wieder sich wiederholenden „Zitaten“ Ausdruck verleiht, da eben immer „das gleiche“ in den Mittelpunkt gerückt werden soll.
    Hier ist das Kapitel über „Dandys. Antimode.“ aufschlussreich, in dem der Leser am Durchbrechen der „klassischen Männermode“ sowohl den Zweck der Handlung (Glänzen wie ein Pfau), als auch deren Unsinnigkeit (zu große Ablenkung vom eigentlich individuellen Kern) vor Augen geführt bekommt.

    Seite für Seite schält sich mehr heraus, was der eigentliche Sinn von Mode ist, dass diese beim Mann durch „Nicht Ablenkung vom Eigentlichen“ gekennzeichnet ist und bei der Frau der Moderne eher von der individuellen Sexualmoral denn vom gesellschaftlichen oder beruflichen Stand bestimmt wird (Hinführung zum „Eigentlichen“, dem „erotisch Weiblichen“). Was allerdings keine weltbewegend neuen Erkenntnisse darstellen.

    Insgesamt erläutert Vinken sehr differenziert und leider auf manches Mal sehr holprigen und sprunghaften die Wege einzelner Moden, deren Entstehung und deren hintergründiger Botschaft und Sinn. Dabei verliert sich das Buch hier und da doch in unvermittelten Einzelbetrachtungen philosophischer Haltungen und modischer „Schnitte“ („wo der Orient winkt“), die es dem Leser dann schwer machen, dem roten Faden durchgehend zu folgen.

    Dennoch, viel über Mode ist durchaus im Buch zu erfahren.
    Woher was kommt und warum was zu bestimmten Zeiten dann wiederkommt lässt sich in den grundlegenden Strömungen beantworten.
    Ebenso, wie der konkrete Sinn der Mode allgemein dargestellt wird.

    Glamour steht in diesem Buch nicht im Mittelpunkt, ebenso wenig, wie eine individuelle Modeberatung für den Leser. Der Leser findet dafür hier eine Vielzahl von Hinweisen über die Geschichte der Mode und deren symbolischer Bedeutung.

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  2. Fuchs Werner Dr
    ·
    7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    3.0 von 5 Sternen
    Das Geheimnis nicht gelüftet, 31. Januar 2015
    Von 
    Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) – Alle meine Rezensionen ansehen
    (#1 HALL OF FAME REZENSENT)
      
    (TOP 100 REZENSENT)
      

    Rezension bezieht sich auf: Angezogen: Das Geheimnis der Mode (Gebundene Ausgabe)
    Bei einem Buch, dessen Untertitel „Das Geheimnis der Mode“ lautet, erwarte ich, dass die Autorin das Geheimnis lüftet. Vor allem, wenn sie auf der fünften Seite schreibt, dass der Modewandel bestimmte Strukturmerkmale zeigt und bestimmten Gesetzen folgt. Aber entweder habe ich die Lösung in professoralen Nebensatzungetümen nicht wahrgenommen oder sie wurde mir gar nicht präsentiert. Für Ersteres spricht, dass es Frau Vinken ihren Lesern tatsächlich nicht einfach macht, ihren Gedankengängen zu folgen.

    Selbst wenn sie auf ihre Lieblingsfremdworte verzichtet, strapaziert sie das Aufnahmevermögen des Publikums, wie folgendes Beispiel zeigt: „Der Dynamik der Mode wird man auch nicht gerecht, wenn man in schlichter Umkehrung des von Soziologen postulierten Trickle-down-Effekts, der davon ausgeht, dass die unteren Klassen die oberen imitieren, weil sie mehr scheinen wollen, als sie sind, annimmt, dass die Mode nicht auf die Straße hinabsinke, sondern von der Straße in die oberen Schichten aufsteige.“

    Warum Barbara Vinken interessante Gedankengänge und Beobachtungen so umständlich formuliert, ist mir ein Rätsel. Denn auf dem Klappentext lese ich, dass die Professorin für Literaturwissenschaft und Romanische Philologie auch für „Die Zeit“, die „Neue Zürcher Zeitung“ und „Cicero“ schreibt. Wenn sie dies regelmäßig tut, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass sie mit ihrem elitären Schreibstil nicht aneckt. Kulturgeschichtliches und Soziologisches lässt sich auch einfacher vermitteln.

    Mich an die inhaltlichen Highlights erinnernd, werde ich das Gefühl nicht los, die Autorin habe sich nicht zwischen Dissertation und populärwissenschaftlichem Buch entscheiden können. Ein Eindruck, der durch das Inhaltsverzeichnis bestätigt wird. Kapitelüberschriften wie „Meta- und Anamorphosen: Verkehrter Pygmalion“ oder „Römischer virtus, orientalischer Luxus“ wechseln sich munter ab mit „Sexy Unisex“ oder „The Empire designs back“.

    Da Barbara Vinken ihre Assoziationsketten nur nach dem Zufallsprinzip miteinander verknüpft, fällt mir eine Zusammenfassung des Inhalts schwer. Ausgehend von den Kleiderregeln zu Zeiten des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. versucht Barbara Vinken zu zeigen, wie sich die Zeichensysteme männlicher und weiblicher Bekleidung veränderten. Dabei garniert sie in ihre kulturgeschichtlichen Betrachtungen auch immer mit philosophischen Exkurse, die aber allzu oft in logischen Sackgassen münden.

    Nach über 233 Seiten, von denen ich einige nur flüchtig las, hoffte ich auf ein Schlussfeuerwerk, auf ein Fazit oder ein Zusammenfassung für das gewöhnliche Volk. Doch was Barbara Vinken in ihrem letzten Kapitel „Und ewig lockt der Orient“ sagen will, bleibt ebenso ein Geheimnis wie die Mode.

    Mein Fazit: Mit wie vielen Sternen man dieses Buch bewerten will, hängt wesentlich von der Gewichtung der Stilnote ab. Und weil ich spätestens seit der Lektüre von Jean-Claude Kaufmanns „Privatsache Handtasche“ weiss, dass Soziologie und Kulturgeschichte unterhaltsam sein können, fällt mir eine wohlwollende Beurteilung von Barbara Vinkens Stil schwer. Schade, dass sie sich in der Übergangszone vom Elfenbeinturm in die Öffentlichkeit verirrte. Denn das Geheimnis der Mode würde viele Menschen interessieren.

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  3. JayJay
    ·
    2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
    5.0 von 5 Sternen
    Interessant und anspruchsvoll, 7. Dezember 2015
    Von 
    JayJay – Alle meine Rezensionen ansehen

    Verifizierter Kauf(Was ist das?)
    Rezension bezieht sich auf: Angezogen: Das Geheimnis der Mode (Taschenbuch)
    Das Buch ist nicht sehr dick – hat es aber in sich. Es ist eine sehr anspruchsvolle Lektüre, die jedoch immer wieder auf die Kernthesen, die am Anfang vorgestellt werden, zurückgreift. Was mir gefällt ist, dass man nach der Lektüre Mode tatsächlich anders wahr nimmt und sich mehr Gedanken um die Außenwirkung macht und auch, was man durch den eigenen Kleidungsstil repräsentiert. Auf jeden Fall spannend, wenn man sich darauf einläßt, der Autorin zu folgen – ABER: das ist kein Buch zur Mode- und Stiberatung!
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